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Profil des SFB 626
Am 1.1.2003 wurde an der Freien Universität Berlin der Sonderforschungsbereich 626 'Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste' eingerichtet. In ihm arbeiten Wissenschaftler/innen der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam zusammen. Nach der positiven Evaluierung im Sommer 2006 hat am 1.1.2007 die zweite vierjährige Förderperiode begonnen. In dieser zweiten Förderperiode umfasst der SFB insgesamt 18 Teilprojekte aus überwiegend kunstwissenschaftlichen Fächern, aber auch aus anderen Disziplinen mit signifikantem Bezug zu Fragen der Kunst und der Ästhetik. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den SFB in der zweiten Laufzeit mit insgesamt 8,1 Mio. Euro. Sitz des SFB ist ein Haus in unmittelbarer Nähe zum Botanischen Garten in Berlin-Dahlem.
Eigenart der Erfahrung des Ästhetischen und der Kunst
Insgesamt geht es dem SFB um die Erörterung der dreigliedrigen Frage, (1) ob und inwieweit mit Blick auf die jüngere und zugleich weiter zurückreichende Entwicklung der Kunst von einer Eigenart ästhetischer Erfahrung die Rede sein kann, (2) ob es innerhalb des Ästhetischen eine Eigenart der Kunsterfahrung und schließlich, (3) ob es innerhalb der Kunst eine besondere Erfahrung der einzelnen Künste gibt. Die Aktualität und Dringlichkeit dieser Fragen ergibt sich aus zwei Entgrenzungstendenzen, die sich in der Kunstentwicklung der letzten Jahrzehnte beobachten lassen: aus der zunehmenden intermedialen Vernetzung der Künste untereinander und aus der Tendenz zur Aufhebung der Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst im Zuge einer (kritisch oder sogar kulturpessimistisch diagnostizierten) Ästhetisierung der Lebenswelt. Der SFB reflektiert folglich eine Problematik mit langer Geschichte von einem Standpunkt aus, der sich der weit reichenden Veränderungen des Ästhetischen und der Kunst durch jüngste und gegenwärtige Entwicklungen bewusst ist. Das Anliegen des SFB besteht dabei weniger darin, die Frage nach der ästhetischen Erfahrung im Rahmen theoretischer Erörterungen erneut aufzurollen. Dies ist in der jüngeren Vergangenheit, in der Regel innerhalb der Philosophie, vielfach geschehen. Das Interesse besteht vielmehr vorrangig darin, die Klärung des Konzepts ‚ästhetische Erfahrung‘ explizit von der soeben skizzierten Problemlage her sowie im Hinblick auf den Status der Kunst und des Ästhetischen in der Gegenwart voranzutreiben, und zwar anhand konkreter Kunstwerke und ästhetischer Phänomene.
Spezifik der Künste und ihrer Erfahrung
Hinsichtlich der dreigliedrigen Leitfrage des SFB lag der Hauptakzent in der ersten Förderperiode des SFB auf der Herausarbeitung der Spezifik der einzelnen Künste und ihrer Erfahrung. Der Fokus richtete sich damit zunächst auf diejenige Teilfrage, die der Mehrzahl der beteiligten Disziplinen – den Kunstwissenschaften – aufgrund ihrer fachlichen Tradition am nächsten lag und zugleich das Potenzial aufwies, diese Fachtraditionen auf die Gesamtprogrammatik des SFB hin zu öffnen. Indem der SFB neben weiteren Disziplinen sämtliche Kunstwissenschaften umfasste, ermöglichte er die Erprobung einer noch nicht existierenden Disziplin, die gerade im Hinblick auf die künstlerischen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit im SFB versuchsweise institutionalisiert werden sollte, nämlich: Kunstkomparatistik. Die Zusammenarbeit jener Fächer, die sich in der Sache – dem gemeinsamen Untersuchungsobjekt der Kunst – eigentlich sehr nahe stehen, zuweilen aber eher nebeneinander als miteinander agieren, verstand sich zugleich als Alternative zum Konzept, die Kunstwissenschaften in der übergeordneten Perspektive der Kulturwissenschaft aufgehen zu lassen. Im produktiven Dialog mit diesem Ansatz lag den am SFB beteiligten Forscher/innen daran, trotz der Ausweitung des Analysefeldes auf ganz unterschiedlich hervorgebrachte, medial unterschiedlich verfasste und unterschiedlich rezipierte Gegenstände die Konturen eines Objektbereiches nicht aufzulösen, sondern als Potenzial für eine weitere Schärfung der Beschreibung zu nutzen: des Objektbereiches der Kunst mit seinen spezifischen Geltungsansprüchen, Sinnkonzepten und Erfahrungspotenzialen.
Entgrenzung der Kunst und der Künste
In der zweiten Förderperiode richtet der SFB das Augenmerk verstärkt auf das Phänomen der Entgrenzung der Künste. Diese wird in zweierlei Hinsicht thematisiert, zum einen hinsichtlich der Prozesse interner Entgrenzung zwischen den Künsten, zum anderen hinsichtlich der Entgrenzungsprozesse zwischen dem Bereich der Kunst und außerkünstlerischen Bereichen, insbesondere denjenigen der Politik, der Religion und des Wissens.
Sowohl in Bezug auf die kunstinternen Entgrenzungsprozesse im Zeichen der „Verfransung“ (Adorno), der Hybridisierung oder des ‚cross-over‘ als auch angesichts der in der jüngeren und jüngsten Kunst zu beobachtenden wechselseitigen Importe zwischen den Künsten und ihrem Außen wird dabei die Reflexion eines Konzepts wichtig, das für die Entwicklung der Kunst und die Diskurse über sie seit dem späten 18. Jahrhundert bestimmend geworden ist, im Zeichen der Entgrenzungstendenzen jedoch zunehmend kontrovers diskutiert wird: das Konzept ästhetischer Autonomie. In Stellungnahmen, die in Bezug auf den gegenwärtigen oder zukünftigen Status der Kunst von Protagonisten innerhalb und außerhalb des Kunstsystems zu vernehmen sind, spielt das Autonomiekonzept implizit oder explizit neuerdings wieder eine wesentliche Rolle. Dabei ist eine Situation stark divergierender Ansprüche an die Kunst entstanden, die zugleich durch eine erhebliche Verwirrung in Begriff und Konzept der künstlerischen Autonomie geprägt wird. Das Ziel des SFB besteht allerdings nicht darin, die Autonomiedebatte in allgemeiner Form erneut zu führen; im Mittelpunkt des Interesses steht die Entgrenzungsproblematik, mit der Autonomiefrage als deren Implikat. Der Autonomiebegriff muss jedoch reflektiert werden, wenn die Entgrenzungstendenzen und -rhetoriken in ihren Motivationen und Ausprägungen verstanden werden sollen. Die Reflexion des Autonomiekonzepts verbindet zugleich die Forschungsprogrammatiken der ersten und der zweiten Förderperiode, indem dieses für die Frage nach der Spezifik der Kunst und ihrer Erfahrung, die in der ersten Phase im Mittelpunkt stand, ebenso relevant ist wie – im Modus des Bestreitens – für die Entgrenzungsphänomene, die in der Kunst der Gegenwart und parallel dazu in der Kunst früherer Epochen und anderer Kulturen in der zweiten Förderperiode untersucht werden sollen.
Zur Struktur des SFB
Neben der Arbeit in den einzelnen Teilprojekten erfolgt die interdisziplinäre Zusammenarbeit des SFB in drei Schwerpunkten, denen jeweils eine Arbeitsgruppe zugeordnet ist. Diese Schwerpunkte sind:
- Ästhetische Erfahrung und Sprache
- Verfahren medialer Entgrenzung in den Künsten
- Kunst und Nicht-Kunst
Das Anliegen des Schwerpunkts 1: Ästhetische Erfahrung und Sprache besteht in der Erörterung, in welchem Verhältnis ästhetische Erfahrung zur Sprache steht, in der sie gefasst und kommuniziert, von der sie jedoch zugleich geprägt wird. Mit Blick auf die Entgrenzungsthematik zwei Bereiche besonders relevant: (a) Grenzverläufe zwischen ästhetischen und nicht-ästhetischen Schreibweisen, sowie (b) sprachliche Manifestationen der Verflechtungen zwischen Ästhetik, Politik und Religion. Parallel zu diesen beiden Arbeitsfeldern wird (c) die Diskussion von Schlüsselwörtern der Rede über ästhetische Erfahrung geführt.
Der Schwerpunkt 2: Verfahren medialer Entgrenzung in den Künsten stellt sich die Aufgabe, anhand der Analyse individueller künstlerischer Strategien in der Gegenwart sowie in der näheren und ferneren Vergangenheit als exemplarisch eingestufte Werke, Verfahren oder Konzepte daraufhin zu befragen, wie sich in ihnen das Verhältnis zwischen den einzelnen Künsten, aber auch von Ästhetischem und Außerästhetischem darstellt und wie sich dieses Verhältnis auf den Status als Kunstwerk und auf die Prozesse der Sinngenerierung auswirkt. Dabei geht es – in Abgrenzung vom Schwerpunkt 3: Kunst und Nicht-Kunst – um Verfahren der Entgrenzung, die weder aufgrund eines Anspruchs von außen erfolgen noch als Sphärenübertritt intendiert sind, sondern kunstimmanent vollzogen werden.
Im Schwerpunkt 3: Kunst und Nicht-Kunst geht es um die Vermischungen und Transfers, aber auch um die Abgrenzungen oder gar Zurückweisungen zwischen den Bereichen der Kunst und den außerkünstlerischen Bereichen der Religion, der Politik und des Epistemischen. Aus der Sicht der Künste auf ihr Anderes geht es um die Verfahren und Techniken, mit denen sie nicht auf andere Künste, sondern auf nicht-künstlerische Sphären ausgreifen, wobei den aus diesen Sphären importierten Elementen ihr Charakter des Nicht-Künstlerischen gerade erhalten bleiben soll. In der Umwendung der Perspektive thematisiert dieser Schwerpunkt aber auch die Verwendung, welche die Kunst in der Politik oder in der Wissenschaft findet, sowie die Art und Weise, wie das Andere der Kunst sein Anderes, die Kunst, sieht.