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Grundriss Erdgeschoss, Jüdisches Museum Berlin.
Daniel Libeskind
Leitung
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen
Tabea Metzel, M.A. / Dr. Dorothea von Hantelmann / Dr. des. Susanne Leeb
Studentische Hilfskräfte
Projektbeschreibung
Unser Teilprojekt geht davon aus, dass Entgrenzung in der zeitgenössischen Kunst nicht mehr primär – wie es noch bei den Avantgarden der Fall war – eine Aufhebung und Selbstüberschreibung der Kunst ist, sondern zum konstitutiven Prinzip für die Produktion und Erfahrung von Kunst selbst wird. In diesem Sinne sprechen wir von dem paradoxen Phänomen der immanenten Entgrenzung, bei dem der Außenbezug ein integraler Bestandteil des Kunstwerks ist. In der dritten Förderperiode untersuchen wir, inwieweit dieses Prinzip immanenter Entgrenzung den Gesellschaftsbezug der Gegenwartskunst, insbesondere ihren Kritikanspruch und dessen Urteilsformen, modifiziert. Denn sofern Immanenz die eigene Involviertheit in die kritisierten Phänomene impliziert, steht zunächst einmal ein distanzierter Blick als Voraussetzung für Kritik zur Disposition. Entgegen derzeitiger Behauptungen einer Unmöglichkeit oder Unwirksamkeit von Kritik unter den Bedingungen der Immanenz geht unser Teilprojekt davon aus, dass der Kritikbegriff nicht zu verabschieden ist, aber dessen Verfahrensweisen und Urteilsformen neu zu bestimmen sind. Entsprechend soll untersucht werden, anhand welcher Operationsweisen die Kunst ihren Anspruch auf Kritik geltend macht und welche neuen Formen der Kritik dabei entstehen. Dabei gehen wir von drei Bereichen aus, deren Thematisierung in der heutigen Kunstproduktion einen zentralen Stellenwert einnehmen und die jeweils das Forschungsfeld eines Unterprojekts ausmachen: a) der Unhintergehbarkeit von Medialität, b) dem Diskurs der Moderne, sowie c) dem institutionellen Kontext. In diesen Gebieten gehen wir den Verfahren nach, mit denen Kunst ihre Kritikfähigkeit erprobt und darin ihren Gesellschaftsbezug etabliert.
UP1: Postmemory und Fiktionalisierung. Ästhetische Zeugenschaft in der Kunst der Gegenwart
(Prof. Dr. Klaus Krüger und Tabea Metzel)
Das Forschungsprojekt geht von dem sich derzeit vollziehenden Generationswandel und dem damit einhergehenden Verlust an primärer Zeitzeugenschaft aus, der zur Veränderung ästhetischer Verfahren in der Darstellung und Erzählung des Holocaust führt. Es fokussiert die Wende zur Narrativierung und Fiktionalisierung im Zuge „postmemorialer“ Formen des Vergangenheitsbezugs, wie sie anhand zahlreicher künstlerischer Positionen zu beobachten ist, die etwa Erinnerung, Zeugenschaft und Authentifizierungsstrategien anlässlich massenmedialer Darstellungsformen thematisieren (z.B. Omer Fast) oder Darstellungskonventionen des Holocaust unterlaufen und an sie geknüpfte Authentizitätsbegriffe sowie ästhetische und ethische Urteilskategorien infrage stellen (z.B. Art Spiegelman oder Alan Schechner). Untersucht wird unter anderem, inwiefern das Reflexionspotential solcher künstlerischen Positionen in Hinblick auf jenes seit Adorno notorisch gewordene Dilemma produktiv wird, dass jede künstlerische Darstellung des Holocaust über den Weg ästhetischer Erfahrung tendenziell auf Versöhnung mit oder Erlösung von dem Geschehenen abziele. In Erweiterung des von Geoffrey Hartmann geprägten Begriffs des intellektuellen Zeugen wird vor diesem Hintergrund nach der ethischen Relevanz einer ästhetischen Zeugenschaft gefragt, die ihre axiologische Sekundarität zu unterlaufen sucht, indem sie die Mediatisierung und Fiktionalisierung als eine Dimension des Vergangenen selbst konstruiert und damit der Unverfügbarkeit der Geschichte, aber auch der eigenen, aktuellen Geltungsbehauptung die Logik der Immanenz entgegensetzt.
UP2: Modernekritik und Abstraktion in der Kunst der Gegenwart
(Dr. des. Susanne Leeb)
In der zeitgenössischen Kunst lassen sich zahlreiche Ansätze finden, die die abstrakten und abstrahierenden Bildsprachen der Moderne im Zuge der Gewalthaltigkeit eines universalen (und das meint vor allem europäischen) Geltungsanspruchs kritisieren – und dabei selbst auf abstrakte oder halbabstrakte Bildsprachen rekurrieren. Kobena Mercers These einer afrikanischen und diasporischen „unreinen“, „diskrepanten“ Abstraktion der 1940/50er Jahre dient dabei als heuristisches Modell, um nach den Folgen, den Subjektivierungsweisen dieser modernistischen Abstraktion zu fragen. Die Arbeiten solcher KünstlerInnen sollen analysiert werden, die sich abstrahierende Bildsprachen der Avantgarden aneignen (z.B. Nasreen Mohamedi) und sie teilweise wieder verkörpern (z.B. Tamar Getter), abstrahierende Verfahren im Zuge einer Ökonomiekritik aufgreifen (z.B. Fareed Armaly), sie mit anderen Medien wie Film oder Fotografie verbinden (z.B. Florian Pumhösl) oder anhand diagrammatischer Verfahren eine Form von relationierender Abstraktion (z.B. Ricardo Basbaum) entwickeln. Der Zusammenhang von Universalität und Abstraktion wird von diesen künstlerischen Arbeiten, so die Ausgangsthese, neu konfiguriert.
UP 3: Kritik und Erfahrung. Die Ausstellung und ihre gegenwärtige Rekonfiguration
(Dr. Dorothea von Hantelmann)
Das Forschungsprojekt untersucht das Verhältnis von Immanenz und Kritik in institutionell geprägten Ausstellungskontexten. Einerseits fragt es, vor dem Hintergrund der Genese der Ausstellung im 19. Jahrhundert und im Kontext der Entstehung moderner bürgerlicher Gesellschaften, nach der historischen Herausbildung der spezifischen Urteils- und Kritikformen, die diesem Format eingeschrieben sind. Andererseits untersucht es deren Neubestimmung mit Blick auf die gegenwärtige Rekonfiguration von Ausstellungen als ‚Erfahrungsräumen’, die sich parallel zu dem seit den 1950/60er Jahren stattfindenden Wandel bürgerlich-industrieller Gesellschaften zu post-industriellen Konsumgesellschaften ereignet. In der Zusammenführung kultursoziologischer und künstlerisch-ästhetischer Perspektiven werden sowohl Ausstellungen einzelner KünstlerInnen (Robert Morris, Douglas Gordon, Roman Ondak) wie auch Neuordnungen musealer Sammlungen (paradigmatisch die 2000 eröffnete Tate Modern, London, oder die Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen) untersucht und in Bezug gesetzt zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Aufwertung von ‚Erfahrung’ zu einem zentralen Fokus kultureller, sozialer und ökonomischer Aktivität. Das Ziel besteht darin zu bestimmen, wie sich in Ausstellungen auf historisch je spezifische Weise ästhetische und nicht-ästhetische Erfahrungsdimensionen, Kritikmodi und Urteilsformen verbinden.
