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William Kentridge: Zeichnung für Black Box /Chambre
Noire, Kohle auf Collage aus gefundenem Papier, 2005
Leitung
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen
Dr. Karin Gludovatz / Dr. Dorothea von Hantelmann / Dr. Susanne Leeb
Studentische Hilfskräfte
Projektbeschreibung
Das Teilprojekt A7 beschäftigt sich aus kunsthistorischer und kunsttheoretischer Perspektive mit Formen der Entgrenzung in der Gegenwartskunst. Im Zentrum steht dabei die These, dass die Kategorie der Entgrenzung nicht mehr wie noch für die Avantgarden und Neoavantgarden als ein emphatischer Freisetzungsanspruch der Kunst aus ihrer vermeintlichen Autonomie hin auf vorderhand kunstfremde Felder von Politik, Wissenschaft und Ökonomie zu begreifen ist. Vielmehr lagert sie sich als ein konstitutives Ferment bereits in den Werken der Kunst selbst ein und wird dort als eine besondere Erfahrungsqualität produktiv. Ausgehend von diesem Wandel ist zu fragen, wie sich eine solche immanente Entgrenzung in bestimmten Kunstformen vollzieht: Zum einen in der konkreten Materialität und Medialität des Kunstwerks, zum anderen in Hinblick auf das Verhältnis der Kunst zu anderen gesellschaftlichen Feldern, wie denen der Politik, der Religion und des Wissens.
Das Projekt fragt nach dem Status und der Eigenart dieser Produktivität von Entgrenzung, und nach einer damit verbundenen Vorstellung gesellschaftlicher und politischer Wirksamkeit von Kunst. Es untersucht weiterhin die Entfaltung dieser Vorstellung im Prozess der Produktion und Rezeption, die in den Arbeiten selbst als bedeutsam erkannt, formal und semantisch reflektiert und diskursiviert wird. Diese Fragen werden anhand dreier zentraler Operationsfelder der Gegenwartskunst untersucht: der Interpikturalität, der Kartographie und der Situativität.
Unterprojekt 1: Schicht-Weise.
Archäologien des Bildes in der zeitgenössischen Kunst
(bearbeitet von Dr. Karin Gludovatz und Prof. Dr. Klaus Krüger)
Das erste Unterprojekt untersucht Entgrenzung als Phänomen immanenter Schichtung, Verflechtung und Durchdringung in Bildern und Bildkonzepten der Gegenwartskunst. Die Filme von William Kentridge etwa, die vor allem die Geschichte und die Auswirkungen der Shoah und des südafrikanischen Regimes der Apartheid verhandeln, entstehen im eigentlichen Sinn als ‚Über-Schreibungen’. Produktionsästhetische Schichtungsverfahren sind dabei auch in jüngeren Ansätzen einer zeitgenössischen Historienmalerei zu beobachten. Das Unterprojekt fragt einerseits nach werkinternen Relationsgefügen, also danach, inwiefern sich eine künstlerische Arbeit nicht nur durch Schichtung verschiedener Bildmotive, sondern auch verschiedener Bilddiskurse konstituiert und auf diese Weise eine Struktur der Schichtung, der mehrfachen Überlagerung und wechselseitigen Transparenzen von ‚Bildern’ der Vergangenheit und solchen der Gegenwart etabliert. Das Projekt fragt andererseits nach den werkexternen Relationsgefügen, geht es doch davon aus, dass die strukturelle Kennzeichnung intermedialer Verfahren und interpikturaler Bezugnahmen ebenso die Rezeption eines Werks betrifft und sich das bildlich Geschichtete, sein Oszillieren zwischen Wirklichkeit und Inszenierung, Künstlichkeit und Leben zugleich als ein Modell menschlicher Erfahrungsbildung erschließen kann.
Unterprojekt 2: Kartographische Modelle in der Kunst der Gegenwart
(bearbeitet von Dr. Susanne Leeb)
Karten als Bildform und Informationsmedium sowie Kartografie als ästhetische und epistemologische Praxis erfahren seit den 1950er Jahren eine künstlerische Rückaneignung und werden unter dem Begriff des mapping theoretisiert. Diese künstlerische Wiederentdeckung beginnt mit der Umdefinierung von Karten zu Modellen für Handlungsformen und zur Eröffnung neuer Erfahrungsweisen, wie es die Situationisten programmatisch formulierten. Karten und kartografische Verfahren sind dabei insbesondere für künstlerische Ansätze interessant, die sich primär auf politische und gesellschaftliche Verhältnisse beziehen. Dies betrifft derzeit Fragen von Globalisierung, Ökonomisierung, Migration oder territoriale Herrschaft. Die Modi des Bezugs auf diese Felder stehen in diesem Projekt zur Untersuchung und Diskussion. Gefragt wird unter anderem nach dem Spannungsfeld zwischen einem Realismus der Information und den fiktionalen und imaginären Dimension eines bildgebenden Verfahrens.
Unterprojekt 3: Exemplarische Erfahrungen.
Relationen von Werk und Situation in der Kunst der Gegenwart
(bearbeitet von Dr. Dorothea von Hantelmann)
Das dritte Unterprojekt untersucht die Entgrenzung des Kunstwerks hin zu der Situation, zu einem räumlich, zeitlich, diskursiv und konventionell bestimmten Dispositiv, in dem das Kunstwerk präsentiert, wahrgenommen und erfahren wird. Das Ziel ist es, einen Werkbegriff zu bestimmen, der in der Lage ist, jene immanenten Bewegungen zwischen Werk und Situation zu umfassen, die viele Kunstwerke der Gegenwartskunst auszeichnen. Die Arbeiten von Künstlern wie etwa Felix Gonzalez-Torres, Carsten Höller oder Dominique Gonzalez-Foerster zeichnen sich durch eine Werkstruktur aus, die den situativen Vollzug des Werks in Handlungen und Erfahrungen der Besucher, die sich jeweils aufs Neue ereignen, mit in die Konzeption des Werks einbezieht und gestaltet. Die Frage, wie künstlerische ‚Situationen’ sich konstituieren, führt dabei unweigerlich zu Wechselwirkungen von künstlerischer Praxis und Alltagsleben. Anhand von Beispielen aus der Gegenwartskunst werden Interrelationen zwischen dem Werk, seinem Ort sowie den Betrachtern, zwischen ästhetischen und nicht-ästhetischen Erfahrungsebenen befragt und dabei Konzepte der Wirksamkeit, Gestaltung und Semantisierung von Erfahrung erörtert.
