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Teilprojekt A7. Immanente Entgrenzung in Kunstpraxis und Kunsterfahrung der Gegenwart

Grundriss Erdgeschoss, Jüdisches Museum Berlin. Daniel Libeskind
Grundriss Erdgeschoss, Jüdisches Museum Berlin. Daniel Libeskind

Leitung

Prof. Dr. Klaus Krüger

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen

Dr. des. Christian Hammes / Dr. Matthias Weiß

Studentische Hilfskräfte

Carla Lohmann / Friederike Oberkrome

Projektbeschreibung

Unser Teilprojekt geht davon aus, dass Entgrenzung in der zeitgenössischen Kunst nicht mehr primär – wie es noch bei den Avantgarden der Fall war – eine Aufhebung und Selbstüberschreibung der Kunst ist, sondern zum konstitutiven Prinzip für die Produktion und Erfahrung von Kunst selbst wird. In diesem Sinne sprechen wir von dem paradoxen Phänomen der immanenten Entgrenzung, bei dem der Außenbezug ein integraler Bestandteil des Kunstwerks ist. In der dritten Förderperiode untersuchen wir, inwieweit dieses Prinzip immanenter Entgrenzung den Gesellschaftsbezug der Gegenwartskunst, insbesondere ihren Kritikanspruch und dessen Urteilsformen, modifiziert. Denn sofern Immanenz die eigene Involviertheit in die kritisierten Phänomene impliziert, steht zunächst einmal ein distanzierter Blick als Voraussetzung für Kritik zur Disposition. Entgegen derzeitiger Behauptungen einer Unmöglichkeit oder Unwirksamkeit von Kritik unter den Bedingungen der Immanenz geht unser Teilprojekt davon aus, dass der Kritikbegriff nicht zu verabschieden ist, aber dessen Verfahrensweisen und Urteilsformen neu zu bestimmen sind. Entsprechend soll untersucht werden, anhand welcher Operationsweisen die Kunst ihren Anspruch auf Kritik geltend macht und welche neuen Formen der Kritik dabei entstehen. Dabei gehen wir von drei Bereichen aus, deren Thematisierung in der heutigen Kunstproduktion einen zentralen Stellenwert einnehmen und die jeweils das Forschungsfeld eines Unterprojekts ausmachen: a) der Unhintergehbarkeit von Medialität, b) dem Diskurs der Moderne, sowie c) dem institutionellen Kontext. In diesen Gebieten gehen wir den Verfahren nach, mit denen Kunst ihre Kritikfähigkeit erprobt und darin ihren Gesellschaftsbezug etabliert.

UP1: Postmemory und Fiktionalisierung. Ästhetische Zeugenschaft in der Kunst der Gegenwart

(Prof. Dr. Klaus Krüger)

Das Forschungsprojekt geht von dem sich derzeit vollziehenden Generationswandel und dem damit einhergehenden Verlust an primärer Zeitzeugenschaft aus, der zur Veränderung ästhetischer Verfahren in der Darstellung und Erzählung des Holocaust führt. Es fokussiert die Wende zur Narrativierung und Fiktionalisierung im Zuge „postmemorialer“ Formen des Vergangenheitsbezugs, wie sie anhand zahlreicher künstlerischer Positionen zu beobachten ist, die etwa Erinnerung, Zeugenschaft und Authentifizierungsstrategien anlässlich massenmedialer Darstellungsformen thematisieren (z.B. Omer Fast) oder Darstellungskonventionen des Holocaust unterlaufen und an sie geknüpfte Authentizitätsbegriffe sowie ästhetische und ethische Urteilskategorien infrage stellen (z.B. Art Spiegelman oder Alan Schechner). Untersucht wird unter anderem, inwiefern das Reflexionspotential solcher künstlerischen Positionen in Hinblick auf jenes seit Adorno notorisch gewordene Dilemma produktiv wird, dass jede künstlerische Darstellung des Holocaust über den Weg ästhetischer Erfahrung tendenziell auf Versöhnung mit oder Erlösung von dem Geschehenen abziele. In Erweiterung des von Geoffrey Hartmann geprägten Begriffs des intellektuellen Zeugen wird vor diesem Hintergrund nach der ethischen Relevanz einer ästhetischen Zeugenschaft gefragt, die ihre axiologische Sekundarität zu unterlaufen sucht, indem sie die Mediatisierung und Fiktionalisierung als eine Dimension des Vergangenen selbst konstruiert und damit der Unverfügbarkeit der Geschichte, aber auch der eigenen, aktuellen Geltungsbehauptung die Logik der Immanenz entgegensetzt.

UP2: Mediale Ent- und Begrenzungen der Aktionskunst von Joseph Beuys

(Dr. Matthias Weiß)

Forschungsgegenstand des Unterprojekts ist das spannungsreiche Verhältnis zwischen den Entgrenzungsbestrebungen der Aktionskunst seit den 1950er Jahren und der fast zeitgleich einsetzenden Rückbildung von Aktionen in verschiedene mediale Formate, die mit den Aufzeichnungs- und Präsentationsbedürfnissen von Institutionen wie Archiv und Museum einerseits und den modernen Massenmedien wie Fernsehen und Radio andererseits kompatibel waren. Exemplarisch untersucht wird dies anhand von Joseph Beuys, arbeitete der Künstler doch über zwanzig Jahre lang intensiv mit Radio und Fernsehen zusammen. Einen kategorialen Perspektivwechsel strebt das Projekt insofern an, als es abweichend von bisherigen Forschungen den medialen Eigenwert der Aufnahmen herauspräpariert und sie nicht länger als bloße Aufzeichnung von Performance, sondern als Kondensat einer Vielzahl performativer Praktiken oder Handlungsabfolgen begreift. Aus medienhistorischer Perspektive ist demnach unter anderem der Frage nachzugehen, inwieweit Beuys Strategien der Selbstinszenierung nicht nur bei explizit als Kunst ausgewiesenen Aktionen, sondern auch und gerade im Zuge jener Unternehmungen einsetzt, mit denen er nur vordergründig den Kunstkontext verlässt. Aus medientheoretischer Perspektive wiederum geht es dem Unterprojekt um die Neubewertung des Verhältnisses von Performance und ihrer „Dokumentation“. Mit in die Überlegungen einzubeziehen sein wird außerdem, dass die besagte Einholungen von Performance in das Bild für deren Rückführung in – oder besser: die Wiedervereinnahmung und damit neuerliche Begrenzung durch – den musealen Kontext unabdingbare Voraussetzung war.

UP3: Die andere Seite der Aneignung. Subjektivität und Materialität in appropriierenden Verfahren der Gegenwartskunst

(Dr. des. Christian Hammes)

Das Unterprojekt untersucht Verfahren der Aneignung von historischen Kunstwerken und Produkten der kommerziellen Bildkultur seit Mitte der 1970er Jahre. Es verfolgt die Hypothese, dass die zeitgenössische Rezeption und kunsthistorische Einordnung dieser Verfahren durch die Fokussierung auf dekonstruktivistische Aspekte zugleich zentral und problematisch ist. Unter dem Begriff der „appropriation art“ fanden diese durchaus heterogenen Verfahren, die sich etwa im (mehr oder weniger) unveränderten Reproduzieren fremder Werke oder medialer Vorlagen oder in Praktiken des Sammelns und Neuarrangierens realisieren, im amerikanischen Kunstdiskurs zu Beginn der 1980er Jahre zusammen, wo sie apriorisch als kritisch in Bezug auf tradierte Vorstellungen von Authentizität, Originalität und Autorschaft im Feld der Kunst, aber gegenüber identitätsbildenden Praktiken im Feld der dominanten visuellen Kultur von Werbung, Presse und Hollywoodkino verhandelt wurden. Wenig in Anschlag gebracht wurde jedoch bislang, dass sich diese und historisch auf sie zurückgreifende Verfahren der Aneignung nicht ausschließlich über Begriffe der Negation verhandeln lassen. Unser Teilprojekt geht dabei von der Beobachtung aus, dass sich zwischen appropriierendem Zugriff und appropriiertem Material Verhältnisse des Austauschs und der gegenseitigen Abhängigkeit ausmachen lassen. Grundlegend scheint zu gelten, dass appropriierende Verfahren zwei historische und/oder kulturelle Situationen zusammenbringen. Unser Interesse gilt dabei gerade den Möglichkeiten der latenten oder offenen Fortführung der Wirkungsweisen des angeeigneten Materials in den Situationen, die Kunstwerke, die sich appropriierender Verfahren bedienen, etablieren. Gerade weil durch das Aufeinander-Beziehen zweier kultureller Situationen im Werk eine unmittelbare Lesbarkeit unterlaufen wird und Störungen im Verhältnis der Repräsentation auf das Repräsentierte eingebaut sind, rücken derartige Werke ihre Materialität und Faktur nachhaltig in den Fokus. In dieser Materialität sind jedoch die Mittel der Aneignung und das Material des angeeigneten Gegenstands aufeinander bezogen. In demselben Maße, wie derartige Werke uns dazu zwingen, sich zu ihnen (in Bezug auf ihr mögliches Weltverhältnis, ihre Materalität usw.) ins Verhältnis zu setzen, ihnen eine subjektive Bedeutsamkeit zuzuschreiben, zeugen sie auch von einem Zugriff auf das angeeignete Material, der nicht unabhängig von subjektiven Erwägungen und Unwägbarkeiten zu denken ist. Diesen Aspekt, der sich etwa in der Hinwendung zu einer verführerischen, mit Wünschen und Obsessionen operierenden Konsumkultur und zur Adaption von mit ihr verbundenen Verhaltensmodellen spiegelt, gilt es entgegen der lange vorherrschenden Einschätzung, dass dieser Zugriff in erster Linie strategisch und intellektuell kalkuliert zu verstehen ist, verstärkt in den Blick zu rücken.