Sonderforschungsbereich 626 - Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste


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Bild A7

Grundriss Erdgeschoss, Jüdisches Museum Berlin.
Daniel Libeskind

 

Leitung

Prof. Dr. Klaus Krüger

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen

Dr. Dorothea von Hantelmann / Tabea Metzel, M.A. / Dr. Matthias Weiß

Studentische Hilfskräfte

Carla Lohmann / Ellen Rinner

 

Projektbeschreibung

Unser Teilprojekt geht davon aus, dass Entgrenzung in der zeitgenössischen Kunst nicht mehr primär – wie es noch bei den Avantgarden der Fall war – eine Aufhebung und Selbstüberschreibung der Kunst ist, sondern zum konstitutiven Prinzip für die Produktion und Erfahrung von Kunst selbst wird. In diesem Sinne sprechen wir von dem paradoxen Phänomen der immanenten Entgrenzung, bei dem der Außenbezug ein integraler Bestandteil des Kunstwerks ist. In der dritten Förderperiode untersuchen wir, inwieweit dieses Prinzip immanenter Entgrenzung den Gesellschaftsbezug der Gegenwartskunst, insbesondere ihren Kritikanspruch und dessen Urteilsformen, modifiziert. Denn sofern Immanenz die eigene Involviertheit in die kritisierten Phänomene impliziert, steht zunächst einmal ein distanzierter Blick als Voraussetzung für Kritik zur Disposition. Entgegen derzeitiger Behauptungen einer Unmöglichkeit oder Unwirksamkeit von Kritik unter den Bedingungen der Immanenz geht unser Teilprojekt davon aus, dass der Kritikbegriff nicht zu verabschieden ist, aber dessen Verfahrensweisen und Urteilsformen neu zu bestimmen sind. Entsprechend soll untersucht werden, anhand welcher Operationsweisen die Kunst ihren Anspruch auf Kritik geltend macht und welche neuen Formen der Kritik dabei entstehen. Dabei gehen wir von drei Bereichen aus, deren Thematisierung in der heutigen Kunstproduktion einen zentralen Stellenwert einnehmen und die jeweils das Forschungsfeld eines Unterprojekts ausmachen: a) der Unhintergehbarkeit von Medialität, b) dem Diskurs der Moderne, sowie c) dem institutionellen Kontext. In diesen Gebieten gehen wir den Verfahren nach, mit denen Kunst ihre Kritikfähigkeit erprobt und darin ihren Gesellschaftsbezug etabliert.

UP1: Postmemory und Fiktionalisierung. Ästhetische Zeugenschaft in der Kunst der Gegenwart

(Prof. Dr. Klaus Krüger und Tabea Metzel)

Das Forschungsprojekt geht von dem sich derzeit vollziehenden Generationswandel und dem damit einhergehenden Verlust an primärer Zeitzeugenschaft aus, der zur Veränderung ästhetischer Verfahren in der Darstellung und Erzählung des Holocaust führt. Es fokussiert die Wende zur Narrativierung und Fiktionalisierung im Zuge „postmemorialer“ Formen des Vergangenheitsbezugs, wie sie anhand zahlreicher künstlerischer Positionen zu beobachten ist, die etwa Erinnerung, Zeugenschaft und Authentifizierungsstrategien anlässlich massenmedialer Darstellungsformen thematisieren (z.B. Omer Fast) oder Darstellungskonventionen des Holocaust unterlaufen und an sie geknüpfte Authentizitätsbegriffe sowie ästhetische und ethische Urteilskategorien infrage stellen (z.B. Art Spiegelman oder Alan Schechner). Untersucht wird unter anderem, inwiefern das Reflexionspotential solcher künstlerischen Positionen in Hinblick auf jenes seit Adorno notorisch gewordene Dilemma produktiv wird, dass jede künstlerische Darstellung des Holocaust über den Weg ästhetischer Erfahrung tendenziell auf Versöhnung mit oder Erlösung von dem Geschehenen abziele. In Erweiterung des von Geoffrey Hartmann geprägten Begriffs des intellektuellen Zeugen wird vor diesem Hintergrund nach der ethischen Relevanz einer ästhetischen Zeugenschaft gefragt, die ihre axiologische Sekundarität zu unterlaufen sucht, indem sie die Mediatisierung und Fiktionalisierung als eine Dimension des Vergangenen selbst konstruiert und damit der Unverfügbarkeit der Geschichte, aber auch der eigenen, aktuellen Geltungsbehauptung die Logik der Immanenz entgegensetzt.

UP2: Mediale Ent- und Begrenzungen der Aktionskunst von Joseph Beuys

(Dr. Matthias Weiß)

Forschungsgegenstand des Unterprojekts ist das spannungsreiche Verhältnis zwischen den Entgrenzungsbestrebungen der Aktionskunst seit den 1950er Jahren und der fast zeitgleich einsetzenden Rückbildung von Aktionen in verschiedene mediale Formate, die mit den Aufzeichnungs- und Präsentationsbedürfnissen von Institutionen wie Archiv und Museum einerseits und den modernen Massenmedien wie Fernsehen und Radio andererseits kompatibel waren. Exemplarisch untersucht wird dies anhand von Joseph Beuys, arbeitete der Künstler doch über zwanzig Jahre lang intensiv mit Radio und Fernsehen zusammen. Einen kategorialen Perspektivwechsel strebt das Projekt insofern an, als es abweichend von bisherigen Forschungen den medialen Eigenwert der Aufnahmen herauspräpariert und sie nicht länger als bloße Aufzeichnung von Performance, sondern als Kondensat einer Vielzahl performativer Praktiken oder Handlungsabfolgen begreift. Aus medienhistorischer Perspektive ist demnach unter anderem der Frage nachzugehen, inwieweit Beuys Strategien der Selbstinszenierung nicht nur bei explizit als Kunst ausgewiesenen Aktionen, sondern auch und gerade im Zuge jener Unternehmungen einsetzt, mit denen er nur vordergründig den Kunstkontext verlässt. Aus medientheoretischer Perspektive wiederum geht es dem Unterprojekt um die Neubewertung des Verhältnisses von Performance und ihrer „Dokumentation“. Mit in die Überlegungen einzubeziehen sein wird außerdem, dass die besagte Einholungen von Performance in das Bild für deren Rückführung in – oder besser: die Wiedervereinnahmung und damit neuerliche Begrenzung durch – den musealen Kontext unabdingbare Voraussetzung war.

UP3: Kritik und Erfahrung. Die Ausstellung und ihre gegenwärtige Rekonfiguration

(Dr. Dorothea von Hantelmann)

Das Forschungsprojekt untersucht das Verhältnis von Immanenz und Kritik in institutionell geprägten Ausstellungskontexten. Einerseits fragt es, vor dem Hintergrund der Genese der Ausstellung im 19. Jahrhundert und im Kontext der Entstehung moderner bürgerlicher Gesellschaften, nach der historischen Herausbildung der spezifischen Urteils- und Kritikformen, die diesem Format eingeschrieben sind. Andererseits untersucht es deren Neubestimmung mit Blick auf die gegenwärtige Rekonfiguration von Ausstellungen als ‚Erfahrungsräumen’, die sich parallel zu dem seit den 1950/60er Jahren stattfindenden Wandel bürgerlich-industrieller Gesellschaften zu post-industriellen Konsumgesellschaften ereignet. In der Zusammenführung kultursoziologischer und künstlerisch-ästhetischer Perspektiven werden sowohl Ausstellungen einzelner KünstlerInnen (Robert Morris, Douglas Gordon, Roman Ondak) wie auch Neuordnungen musealer Sammlungen (paradigmatisch die 2000 eröffnete Tate Modern, London, oder die Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen) untersucht und in Bezug gesetzt zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Aufwertung von ‚Erfahrung’ zu einem zentralen Fokus kultureller, sozialer und ökonomischer Aktivität. Das Ziel besteht darin zu bestimmen, wie sich in Ausstellungen auf historisch je spezifische Weise ästhetische und nicht-ästhetische Erfahrungsdimensionen, Kritikmodi und Urteilsformen verbinden.


 

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Stand: 10.04.2013

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