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Zhang Huan: Pilgrimage - Wind and Water in New York,
Performance, PS 1 / MoMA, 18. Oktober 1998
Leitung
Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Studentische Hilfskräfte
Bogna Grazyna Jaroslawski / Carmen Prüfer
Projektbeschreibung
Das Projekt zielt auf eine Plausibilisierung der These, dass es sich bei ästhetischer Erfahrung in Aufführungen um eine Schwellenerfahrung handelt, die transformative Kraft besitzt und grundlegende Wahrnehmungsmuster und Dichotomien unserer Kultur in Frage zu stellen vermag. Der Fokus der Untersuchung richtet sich auf all jene Aufführungen, die den Zuschauer in liminale Situationen versetzen, in denen geltende Normen und Regeln außer Kraft gesetzt werden und er sich in einem Zustand „betwixt and between the positions assigned and arrayed by law, custom, convention and ceremonial“ (Victor Turner) wiederfindet. Dieser Schwellenzustand, mit der im Theater im Gegensatz zum Ritual in der Regel keine dauerhaften, über den Rahmen der Aufführung hinausgehenden, sondern eher momenthafte Transformationen verbunden sind, vermag dem Zuschauer neben der Destabiliserung von Selbst- und Fremdwahrnehmung zugleich Spiel- und Freiräume für Experimente, Innovationen oder neue Arten der Diskursivierung zu öffnen.
Nachdem das Projekt in den ersten vier Jahren vor allem das Verhältnis zwischen Zuschauer und Akteur auf liminale Erfahrungen hin untersuchte, steht in der zweiten Phase die politische Dimension ästhetischer Erfahrung im Vordergrund. Dabei geht es nicht allein um die Frage, unter welchen Umständen liminale Erfahrungen dazu imstande sind, politisch zu wirken, sondern auch darum, inwieweit dem Theater als Ort des Austausches und der Begegnung mit dem Anderen sowie der Ver- und Aushandlung von Machtpositionen zwischen Zuschauer und Akteur eine grundsätzliche Politizität inhärent ist.
Während sich Unterprojekt 1 sich vor allem aufführungsanalytisch mit der Frage nach der politischen Dimension von Schwellenerfahrungen im Gegenwartstheater auseinandersetzt, befasst sich das Unterprojekt 2 mit der Politisierung des Theaters aus theoretischer und historiographischer Perspektive. Unterprojekt 3 (bis 12/2007) ergänzt das Projekt schließlich mit einer interkulturellen Perspektive.
Unterprojekt 1: Alterität als Schwellenerfahrung –
politische Dimensionen des Ästhetischen im Gegenwartstheater
(bearbeitet von Benjamin Wihstutz, M.A.)
Es wird von der Hypothese ausgegangen, dass die Politizität ästhetischer Erfahrung im Gegenwartstheater vor allem in der Konfrontation mit Formen von Alterität zu suchen ist. Denn es ist stets das Andere, das ins „Zwischen“ drängt, das sich bestehenden Ordnungen der Wahrnehmung und Deutung widersetzt, diese in Frage stellt und kollabieren lässt. Die Präsenz des Anderen, des Fremden, bisher-Übersehenden und Un-erhörten ist per se politisch, da es die scheinbar natürliche Ordnung ästhetischer Kategorien und Wahrnehmungsmuster als konstruiert entlarvt und damit zugleich eine neue „Aufteilung des Sinnlichen“ (Rancière) einfordert.
Das Theater hat sich seit jeher auf vielfältige Weise mit dem Anderen beschäftigt. Allerdings lassen sich erst in jüngster Zeit Tendenzen beobachten, die das Theater buchstäblich zu einer Bühne der Anderen werden lassen, indem dort Personen als „sie selbst“ auftreten, die kulturell als die „Anderen“ gelten oder zumindest dem Theaterpublikum gänzlich fremd sind wie beispielsweise Asylbewerber (Peter Sellars), Arbeitslose (Volker Loesch), Geistig-Behinderte (Christoph Schlingensief) oder die „Experten des Alltags“ des Regie-Kollektivs Rimini-Protokoll. Hier treten Akteure auf, deren Präsenz im Alltag häufig übersehen wird, die über keine (Wahl-) Stimme in der Gesellschaft verfügen und gewöhnlich im Theater weder als Akteure noch als Zuschauer präsent sind. Häufig widersetzen sich die inszenierten Auftritte dieser „Anderen“ einem verlässlichem Deutungsrahmen, was den Zuschauer mit liminalen Situationen und Wahrnehmungen konfrontiert – Dichotomien wie Authentizität und Inszeniertheit, Realität und Fiktion oder gar Normalität und Behinderung werden gewollt außer Kraft gesetzt und lassen den Zuschauer diese Kategorien selbst in Frage stellen.
Eine ganz andere Form der Inszenierung von Alterität lässt sich in Projekten wie Janet Cardiffs Video-Walk Ghost Machine erfahren. Hier verwischen für den Zuschauer permanent die Grenzen zwischen realem und imaginärem Raum, indem er über Videokamera und Kopfhörer mit einer filmisch verfremdeten Realität des Raumes konfrontiert wird, durch den er sich gerade bewegt. Das Ergebnis ist eine liminale, heterotope Erfahrung, bei der sich der Teilnehmer selbst fremd wird und die Verlässlichkeit seiner Sinne in Frage gestellt wird. Das Politische wird hier vollends zu einer Meta-Politik des Ästhetischen, in der grundlegende Wahrnehmungs- und Denkmuster selbst zur Disposition stehen und eine neue Politik des Ästhetischen möglich erscheint.
Unterprojekt 2: Theatralisierung der Politik und Politisierung
des Theaters in theoretischen Schriften des 20. Jahrhunderts
(bearbeitet von Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte)
Das Unterprojekt 2 widmet sich aus theoretischer Perspektive dem historischen Verhältnis von Theatralisierung der Politik einerseits und Politisierung des Theaters andererseits. Ziel ist es zu klären, inwieweit diese beiden offenkundig eng verflochtenen Prozesse in einschlägigen Theorien mit politisch wirksamen Schwellenerfahrungen assoziiert werden.
Vor allem für den Zeitraum des 20. Jahrhunderts lässt sich eine besonders lebhaft geführte theoretische Auseinandersetzung um die Interrelationen zwischen Politischem und Theatralem/Ästhetischem feststellen. Dementsprechend geht es um eine Relektüre einflussreicher theoretischer Schriften, die sich nicht allein auf theatertheoretische Texte beschränkt, sondern auch Theorien zur Theatralisierung der Politik und des gesellschaftlichen Lebens einbeziehen. Neben Autoren wie Romain Rolland, Bertolt Brecht, Erwin Piscator, Vsevolod Meyerhold, Augusto Boal oder Heiner Müller sind auch neuere Ansätze der politischen Philosophie wie die Jacques Rancières oder Giorgio Agamben von Relevanz. Auf dem Feld der Theorien zur Theatralisierung der Politik werden unter anderem Schriften von Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, und Jon McKenzie näher untersucht.
