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Teilprojekt B3. Zur Bedeutung von Illusion und Fiktion in der Ästhetik und Filmästhetik

Eija-Liisa Ahtila: "If 6 was 9" (1995, video still)
Eija-Liisa Ahtila: "If 6 was 9" (1995, video still)

Leitung

Prof. Dr. Gertrud Koch

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen

Dr. des. Chris Tedjasukmana. / Dr. des. Lisa Åkervall / Ph. D. Thomas Hilgers

Studentische Hilfskraft

Stephan Ahrens / Marie Kloos

Projektbeschreibung

Ausgehend von den bisherigen Forschungsergebnissen zur Bedeutung von Illusion und Fiktion wird in der dritten Förderperiode unseres Projektes nun die Perspektive als generische Form bildlicher Darstellung, durch welche Illusionseffekte räumlich und Fiktionsräume narrativ erfahrbar werden, untersucht. Wir werden also den Begriff der Perspektive einer genaueren philosophischen und filmtheoretischen Analyse unterziehen. Unser Ziel ist es, herauszuarbeiten, inwiefern der Begriff der Perspektive einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der ästhetischen Erfahrung von Filmen zu leisten vermag. In unserer Arbeit werden wir insbesondere zu zeigen versuchen, dass perspektivische Verfahren eine wichtige Rolle für filmische Illusionseffekte und für filmische Fiktionsbildung spielen.

Ein leitender Gedanke unserer Arbeit ist die These, dass Filme multiperspektivische Phänomene besonderer Art sind. Durch seine verschiedenen Kameraeinstellungen liefert ein Film nämlich in der Regel unterschiedlichste Perspektiven. Diese unterschiedlichen Perspektivierungen des Films kommen in einer eigentümlichen Komplexität zur Geltung, da der mathematisch-geometrische Raum der Zentralperspektive, wie er durch die fotografische Optik evoziert wird, durch die Bewegungen der Kamera eine Dynamisierung erfährt. Desweiteren stellen Filme als Ganzes immer auch Perspektiven auf Perspektive dar. So verhält sich ein Film in seiner Montage stets metaperspektivisch zu seinen kameraperspektivischen Fixierungen. Schließlich glauben wir, dass auch die Zuschauer eines Filmes immer gewisse Perspektiven auf das Gezeigte einnehmen. Dabei werden die Zuschauer zahlreiche affektive und kognitive Leistungen vollziehen müssen. Inwiefern diese Leistungen durch den betreffenden Film bestimmt werden, und inwiefern sie freie (spielerische) Leistungen des Subjekts sind, bleibt eine noch zu beantwortende Frage. In jedem Fall vermuten wir, dass die angesprochenen Leistungen einen wesentlichen Bestandteil der ästhetischen Erfahrung von Filmen ausmachen. Unser Ziel ist es, diese Leistungen zu spezifizieren, und das komplexe Geflecht von Perspektiven, das bei der Erfahrung eines Films relevant ist, zu entflechten.

Unser Projekt teilt sich in zwei Unterprojekte. UP1 wird die philosophischen Debatten zum Themenkomplex Perspektive, Imagination, Illusion, Fiktion und ästhetische Erfahrung kritisch diskutieren und für unsere Fragestellung fruchtbar machen. UP2 wird die Perspektive als Kernelement filmischer Artikulationsformen anhand konkreter Filmbeispiele untersuchen.

UP1: Der Begriff der Perspektive in Philosophie, Ästhetik und Filmtheorie

(Prof. Dr. Gertrud Koch und Thomas Hilgers, Ph.D.)

Im Unterprojekt 1 werden wir in der ersten Arbeitsphase die philosophische Debatte zum Perspektivismus, wie diese im Anschluss an Nietzsche stattfand, kritisch diskutieren. Im Zentrum unserer Diskussion werden dabei folgende fünf Fragen stehen: (1) Wofür alles kann der Ausdruck  „Perspektive“ stehen? (2) Wofür genau steht die philosophische Position – bzw. das philosophische Problem – des Perspektivismus? (3) Gibt es verschiedene Varianten des Perspektivismus, und wenn ja, wie sind diese einzeln zu bewerten? (4) Welche ästhetischen und filmphilosophischen Folgerungen können wir aus der Debatte zum Perspektivismus ziehen? (5) Liefert die philosophische Debatte zum Perspektivismus guten Grund, die Perspektive als eine generische (ästhetische) Form zu verstehen? In der zweiten Arbeitsphase werden wir uns der philosophischen Debatte zum Themenkomplex Perspektive, Imagination, Fiktion und ästhetische Erfahrung, wie diese im Anschluss an Wittgenstein in der analytischen Philosophie stattfand, zuwenden. Weiterhin werden im Zentrum stehen die perspektivischen Raum- und Zeitkonzepte, die in besonderer Weise zum Verständnis filmischer Illusionsräume und ihrer ästhetischen Erfahrung beitragen.

UP2: Perspektivische Übergänge in Experimentalfilm und Postkinematografie

(Dr. des. Lisa Åkervall und Dr. des. Chris Tedjasukmana)

Das Unterprojekt 2 untersucht die Perspektive als Kernelement filmischer Artikulationen zu einzelnen filmhistorischen Zeitpunkten – vom frühen Kino bis zur Kunstinstallation – und aus konkreten ästhetischen Konfigurationen – vom Experimentalfilm bis zum Unterhaltungskino. Dabei liegt der doppelte Fokus erstens auf Fragen des Kino-Dispositivs und alternativer Abspielräume wie Museen und zweitens auf Fragen digitaler Techniken der Aufnahme und Projektion. Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass die filmischen Verfahren der Bewegung im Bild und der Montage einerseits und der variablen Positionierung des Zuschauers andererseits eine räumliche Dynamik initiieren, die das Problem der Perspektive gegenüber unbewegten Bildern, etwa der Malerei und der Fotografie, erheblich verkomplizieren. Eine Problematisierung der Perspektive kann dabei ebenso eine Illusionssteigerung wie eine Begrenzung des fiktionalen Raums bewirken. Anknüpfend an die Untersuchung der Übergänge zwischen dem Zuschauerraum und dem Illusions- und Fiktionsraum in der vergangenen Phase soll nun die Multiperspektivität sowohl seitens der filmischen Verfahren als auch seitens der Erfahrung des Zuschauers analysiert werden. Des Weiteren ist im Anschluss an die in der letzten Laufzeit erfolgte Analyse des „Post Cinema“ zu fragen, welche neuen Formen von räumlicher Perspektivität und narrativer Perspektivierung mit digitalen Produktions- und Projektionstechniken einher gehen.  Dabei werfen die ‚überpräzisen’ Bilder in Videokunst und im Hollywoodkino die Frage des Realismus als Rückseite des Illusionsbegriffs wieder auf.