Sonderforschungsbereich 626 - Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste


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Home » Forschungsprojekte » Teilprojekt B4



 

b4

Max Ernst: Saint Cécile ou Le piano invisible,
Öl auf Leinwand, 1923, Staatsgalerie Stuttgart

 

Leitung

Prof. Dr. Albrecht Riethmüller

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

PD Dr. Michael Custodis / Dr. Frédéric Döhl

Studentische Hilfskräfte

Julia Greber / Marianne Hahn

 

Projektbeschreibung

Dieser Jahre wird in der westlichen Zivilisation die Kunstmusik insgesamt in einer heftigen Krise gesehen, in der ihre bislang außer Frage stehende gesellschaftliche Bedeutung zu schwinden droht. Die verschiedenen Strategien zur Bewältigung dieser Krise lassen sich als Spielarten ästhetischer Diversifikation begreifen. Das Teilprojekt konzentriert sich auf eine Analyse dieser Situation, ihre theoretische Fundierung und die Überprüfung der Lösungsansätze.

Das Teilprojekt steht somit unter einem Lemma, das eine kunstgeschichtlich aktuelle, gesellschaftlich brisante und kulturpolitisch urgente Frage der (musik)ästhetischen Theorie berührt, die von erheblicher Tragweite sowohl für die künstlerischen Belange (Musikleben) als auch für die ökonomischen Bedingungen (Kulturindustrie) ist. Die Krise, in welche die ehemals so stabile Kunstmusik (bezeichnenderweise nicht die Oper) in der westlichen Zivilisation geraten ist, betrifft erstmals nicht mehr nur die musikalische Avantgarde, sondern den ganzen Klassikbereich mit all seinen Produkten, Institutionen, Programmen usw. Als Ausweg aus dem Dilemma zeichnet sich eine ästhetische Umorientierung ab: neben der horizontalen Diversifikation der Musik zu den anderen Künsten und in den Medien nun auch ihre vertikale Diversifikation, die von stilistischen produktiven und reproduktiven (interpretatorischen) Mischungen über Veränderungen des Repertoires bis zu neuen Präsentationsformen von Kunstmusik reicht („Crossover“). Das Teilprojekt wird sich dieser aktuellen Herausforderung stellen und die Diversifikation unter dreierlei Aspekten analysieren: einerseits unter den theoretischen der Musiksoziologie (als den gesellschaftlichen Grundlagen ästhetischer Erfahrung von Musik), andererseits der Musikästhetik (im Zusammenhang der allgemeinen ästhetischen Theorie), schließlich dem der musikalischen Pragmatik (Empirie der Veränderungen).

 

Unterprojekt 1: Zur gesellschaftlichen Wirksamkeit von Kunstmusik heute

(bearbeitet von PD Dr. Michael Custodis)

Die Frage nach dem Wechselverhältnis von Gesellschaft und Kunstmusik stellt sich heute unter neuen Bedingungen. Zum einen betrifft dies den gesamten Bereich der Pflege und Vermarktung der musikhistorischen Tradition, der aufgrund immer engerer finanzieller Rahmenbedingungen nach neuen Wegen suchen muss, um den etablierten Stellenwert von klassischer Musik weiterhin zu legitimieren, interessierte Publikumsgruppen dauerhaft zu binden und neue Zuhörer zu gewinnen. Zum anderen blieb die Distanz zwischen den Hörern und der neuen Musik trotz aller historischer und gesellschaftlicher Veränderungen im 20. Jahrhundert nicht nur in Form von Denkmustern und Vorurteilen bestehen, sondern verhärtete sich zu einem konsensbildenden Desinteresse an aktuellen Strömungen im Bereich der Kunstmusik.

Die Untersuchung dieser Diagnosen und ihrer musikhistorischen, -soziologischen und
-ästhetischen Implikationen folgt im wesentlichen drei grundlegenden künstlerischen Verhaltensmustern: erstens demVersuch, sich in der Diversifikation zu positionieren und Einfluß auf die Ausformung der musikalischen Szene zu gewinnen (so etwa bei musikbezogenen Rundfunk- und Fernsehformaten); zweitens dem Versuch, die Diversifikation zu überwinden, indem ihre Strömungen gewissermaßen auf höherer Ebene synthetisiert werden (zu beobachten beispielsweise in der Programm- und Zielgruppenpolitik großer Traditionsorchester); und drittens dem Rückzug auf einen Standpunkt radikaler künstlerischer Autonomie, wie er von einigen zeitgenössischen KomponistInnen konserviert und bei Festivals und spezialisierten Konzertreihen für neue Musik gepflegt wird.

 

Unterprojekt 2: Bilder zur Musik: Intermediale Funktion heute

(bearbeitet von Prof. Dr. Albrecht Riethmüller)

In der Struktur der ästhetischen Erfahrung von Musik baut sich eine dialektische Spannung auf, die unter das Lemma „Lost in Music“ gestellt werden kann. Auf der einen Seite findet sich in der meist als ungegenständlich und selbstreferentiell angesehenen Musik, voran in den hochkulturellen Formen, ein Sich-Verlieren in die Klänge, das in emotionaler Intensität bis zur Selbstvergessenheit reicht. Auf der anderen Seite bringt der nonverbale, begriffs- und bilderlose Charakter der Musik zumal in den diskursiven Situationen in der Breite der Gesellschaft ein Sich-Verloren-Fühlen mit sich. Daraus resultiert, gerade auch unter Gebildeten, ein kommunikativer Mangel des intersubjektiven Austauschs über die Sache, der die Bewunderung für den Gegenstand einhergehen lässt, mit einer Beunruhigung angesichts der abgesondert erscheinenden Welt der Musik. Diese Bipolarität der ästhetischen Erfahrung wird an einem aktuellen Beispiel aus der (horizontalen) Diversifikation von Musik durchgeführt, nämlich dem Hinzutreten von Bildern zu Musikwerken, wie es heute sowohl im Konzertsaal als auch im Fernsehen zu beobachten ist. Mag Musik angesichts der elektroakustischen Medien immer ubiquitärer erscheinen, die audiovisuellen mit dem Fernsehen an ihrer Spitze lassen an der Dominanz der Bilder keinen Zweifel aufkommen. Ob adäquat oder nicht, die Bilder zur Musik sind dazu da, dem Verlorensein Halt zu geben.

Im gewöhnlichen Fall reicht es aber so wenig hin, von einer Bebilderung der Musik wie von einer Untermalung der Bilder durch Musik zu sprechen. Für die ästhetische Theorie bedeutet dies insbesondere, dass sich die in der Musik seit je prekären Fragen von Abbildlichkeit und Darstellung neu und radikal anders stellen als bisher. Auszugehen ist von einer simultanen Wahrnehmung auszugehen, von einer Art ästhetischem Multitasking und damit tendenziell vom krassesten Gegensatz der Bestrebungen um Vereinheitlichung der Ebenen in einem „Gesamtkunstwerk“. In dieser Simultaneität verändert sich die ästhetische Erfahrung der Musikwerke unter dem Eindruck der Bilder wesentlich anders als die der Bilder unter dem der Musikwerke.

 

Unterprojekt 3: Sir André Previn – Musiker ohne Grenzen

(bearbeitet von Dr. Frédéric Döhl)

Unter den in Berlin gebürtigen, noch lebenden Musikern dürfte Sir André Previn heute der berühmteste seiner Generation sein. In seiner Heimatstadt nimmt man davon ebenso wenig Notiz, wie er weltweit als eher ortslos gilt. Der 1929 als Andreas Priwin Geborene hat nach einer erstklassigen musikalischen Ausbildung in Berlin und in Kalifornien sich als eines der vielseitigsten Talente in der Musik erwiesen, und zwar gleichermaßen auf den Gebieten des Klaviers, des Dirigierens, Arrangierens, Improvisierens und Komponierens. Gegenüber dem ein gutes Jahrzehnt älteren Parallelfall Leonard Bernstein ist Previn ein bei weitem profilierterer Pianist, und er zeigt seine besondere Versatilität darin, dass er zeit seines Lebens neben klassischen, reproduktiven und filmkompositorischen Betätigungen als anerkannter Jazzpianist aktiv ist. Die musikspartenübergreifende Spannweite des Wirkens von Previn stellt einen Modellfall der erst heute auf breiter Front zu bemerkenden Entgrenzungsbestrebungen dar, insbesondere im Blick auf die vertikale Diversifikation der Musik. Previn hat diese Tendenz gewissermaßen vorgelebt und nicht geringen Anteil an der heute veränderten ästhetischen Erfahrbarkeit von Kunstmusik genommen.

Sofern Previn dem Lebensalter nach zu einem der letzten Beispiele gehört, in denen man mit Fug und Recht von einem Exilmusiker reden kann, steht die Untersuchung vor dem Hintergrund der kultur- und politikgeschichtlichen Entwicklung in Deutschland bzw. des Schicksals der davon betroffenen Personen und nicht weniger im Horizont der Musikgeschichte der Hauptstadt Berlin.


 

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Stand: 12.05.2010

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