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Memorial eines Harfenspielers von der
Insel Keros, 2800-2200 v. Chr.,
Athen Nationalmuseum
Leitung
Anna-Maria Kanthak, M.A. / Eva-Maria Mateo-Decabo, M.A. / Dr. Martin Vöhler
Studentische Hilfskräfte
Justus Schollmeyer / Gesa Wellmann
Projektbeschreibung
Zentrale Konzepte und Begriffe der modernen Diskussion zur ästhetischen Erfahrung – etwa Mimesis, Katharsis, das Erhabene, Pathos, Enthusiasmus – stammen aus der Antike und haben eine komplexe Rezeptionsgeschichte, in deren Verlauf sie in sehr unterschiedlicher Weise für philosophische und poetologische, psychologische und politische Theorien ebenso wie für die künstlerische Praxis beansprucht und instrumentalisiert worden sind. Im Zusammenhang des Sfb zielt der Beitrag der Klassischen Philologie einerseits auf die Erhellung der antiken Grundlagen und ihrer Rezeption in den verschiedenen modernen Diskursen und andererseits auf die Analyse antiker Stoffe, Motive und Techniken, die als Parallele und Kontrast für die moderne Diskussion der ästhetischen Erfahrung aufschlußreich zu sein versprechen.
Stand in der ersten Förderperiode die griechische Klassik mit den Schwerpunkten Katharsis und tragischem Vergnügen im Zentrum, so verschiebt sich der Fokus in der zweiten Arbeitsphase auf den Hellenismus als exemplarische Umbruchszeit von der Klassik zur griechischen ‚Moderne‘, in der auch das Verhältnis von Kunst und Nichtkunst neu bestimmt wird: Die fundamentalen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen gegenüber der Poliswelt des 5. und 4. Jahrhunderts lassen den Hellenismus als „die moderne Zeit des Altertums“ (Droysen) erscheinen. Der Neuerungsschub wird in der Kunst als avantgardistischer Impetus faßbar, der sich mit der expliziten und impliziten Forderung nach ästhetischer Autonomie dezidiert gegen die Ästhetik der griechischen Klassik abgrenzt und durch den sich Techniken ästhetischer Reflexivität entwickeln, die die Komplexität des ‚Systems Kunst‘ so sehr steigern, daß es sich von anderen sozialen Systemen zu emanzipieren beginnt.
Auf der anderen Seite stehen nahezu alle Akteure hellenistischer Kunst in einem mäzenatischen Verhältnis zu einem der hellenistischen Herrscherhäuser. Welche Beziehungen zwischen der hellenistischen Ästhetik und den Interessen der Mäzene bestanden und inwieweit es sich bei der hellenistischen Variante der programmatisch formulierten Künstler-Autonomie um eine wirkliche Autonomie der Kunst handelt, ist bisher ebenso wenig hinreichend geklärt wie die Frage nach den Wirkungen, die die grundlegenden Veränderungen der Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Kunst auf die Konzeptionender Mimesis haben.
Das Teilprojekt verbindet die Untersuchung dieser Fragen mit der den Sfb leitenden Fragestellung nach den wechselseitigen Ab- und Entgrenzungen von Kunst- und Nichtkunst und nach der historischen Bedingtheit von Autonomiekonzepten. Es gliedert sich in drei Unterprojekte zu Theorie, Formen und Funktionen hellenistischer Mimesis.
Unterprojekt 1: Hellenistische Mimesis im Kontext antiker Mimesiskonzeptionen
(bearbeitet von PD Dr. Martin Vöhler)
Die antike Kunst steht im Zeichen der mimesis. Das erste Unterprojekt behandelt Formen und Funktionen hellenistischer Mimesis mit Blick auf die theoriegeschichtlichen Hintergründe: Platons Polemik ist es zu verdanken, daß der Begriff zu einem Zentralbegriff der Ästhetik und Kunsttheorie avancierte, der in wechselnden Konstellationen und Konjunkturen bis heute seine Erschließungskraft behauptet. Das Unterprojekt verfolgt einen doppelten Zweck. Einerseits soll ein antiker Grundbegriff der Ästhetik profiliert und in seiner Bedeutung für die Moderne erschlossen werden; andererseits soll durch die Analyse markanter, noch unzureichend erschlossener Mimesiskonzeptionen der hellenistischen Zeit gezeigt werden, daß der Modernisierungsschub, der vom Hellenismus ausgeht, auch für das spätere Mimesisverständnis nachhaltige Konsequenzen mit sich bringt. Dabei konzentriert sich die Arbeit auf vier Schwerpunkte: Mimesis und Autonomie (Aristoteles vs. Aristotelesrezeption), Eine hellenistische Autonomieästhetik? (Philodem), Grenzen rhetorischer und literarischer Mimesis (Dionysios von Halikarnassos), Mimesis und Enthusiasmus (Die Schrift „Vom Erhabenen“).
Unterprojekt 2: Hellenistische Mimesis als ‚Aktivierung‘ des Rezipienten
(bearbeitet von Prof. Dr. Bernd Seidensticker)
Das zweite Unterprojekt untersucht die rezeptionsästhetisch relevanten technischen Verfahren. Für den an der ‚klassischen‘ griechischen Kunst geschulten Rezipienten stellen die hellenistischen Kunstwerke eine erhebliche Provokation dar. Die Freude am radikalen Experiment ist überall spürbar. Der Betrachter sieht sich mit überraschenden Blickwinkeln konfrontiert, der Leser mit Texten, die alles, was er bei der entsprechenden Gattung oder Thematik erwarten würde, vermeiden oder modifizieren. Sprachliche und formale, generische und thematische Elemente der großen Tradition erscheinen in verblüffenden Kombinationen. Diese kalkulierte Irritation ist mit vielerlei ‚Zumutungen‘ verbunden: Der Rezipient muß sich anderer Kunstwerke erinnern und diese mit dem vorliegenden vergleichen; er ist aufgefordert, Lücken zu ergänzen und Perspektiven zu rekonstruieren. Es scheint, als werde seine Aufmerksamkeit und Eigenaktivität von den Künstlern bewußt in die Kunstproduktion einbezogen und auf die Probe gestellt. Dieses neue bisher erst ansatzweise (vgl. Fowler 1989) untersuchte Verfahren der produktiven Irritation und Aktivierung des Rezipienten bietet, wie ein Blick auf Umberto Ecos Begriff des „offenen Kunstwerks“ zeigt, aufschlußreiche Vorstufen zu künstlerischen Techniken, die gemeinhin als modern gelten. Auch der Rekurs auf Wolfgang Isers Konzept der „Leerstelle“ erscheint als fruchtbar.
Unterprojekt 3:
Hellenistische Mimesis zwischen Autonomieästhetik und Machtdiskurs
(bearbeitet von Anna-Maria Kanthak, M.A. und Eva Maria Mateo-Decabo, M.A.)
Das dritte Unterprojekt schließt insofern an die beiden vorausgegangenen theoriegeschichtlichen bzw. rezeptionsästhetischen Unterprojekte an, als es den Blick auf ein spezifisch hellenistisches Mimesis-Konzept von seinem sozialgeschichtlichen Außen her konturiert und danach fragt, inwieweit die Spezifik der künstlerischen Programmatik und der darin impliziten Rezeptionsästhetik mit den Produktions- und Rezeptionsbedingungen der am ptolemäischen Hof wirkenden Künstler zusammenhängt: Gerade die von den Ptolemäern in Alexandria geförderte Kunstproduktion war eng verbunden mit der vorwiegend von Dichtern betriebenen wissenschaftlichen Aufarbeitung der gewaltigen Bestände der berühmten Bibliothek, den Repräsentationsinteressen der Machthaber und einer weitreichenden Ästhetisierung der Lebenswelt. Geprüft werden soll, inwieweit sich die neuartigen Züge alexandrinischer Ästhetik, die man über den Umweg der avantgardistischen Autonomieästhetik gern als l’art pour l’art verstanden hat, in den ptolemäischen Machtdiskurs und die komplexen Verflechtungen von Politik, Wissenschaft und Kunst einfügen.
