Sonderforschungsbereich 626 - Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste


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c7

Misha Gordin: Inspiration

 

Leitung

Prof. Dr. Renate Schlesier

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen

Roberto Sanchiño Martínez, M.A.

Hans Stauffacher, M.A.

Cornelia Temesvári, M.A.

Dr. Crenguta-Beatrice Trinca

Studentische Hilfskräfte

Tobias Petry / Julius Smolny

 

Projektbeschreibung

Ästhetische Erfahrung wird seit den Anfängen philosophischer Ästhetik im 18. Jahrhundert vorrangig als Kunsterfahrung von Nicht-Künstlern bestimmt. Daraus ergab sich für die Reflexion von Kunst eine Gewichtsverschiebung imVerhältnis zwischen Künstlern und Rezipienten zugunsten der Rezipienten. Gleichzeitig geriet dabei eine seit der antiken griechischen Religion und Philosophie weiterwirkende Tradition aus dem Blick, die die Kunstproduktion selbst als Kunstrezeption definiert und die in der Moderne keineswegs verschwunden ist. Daraus resultiert die Leitfrage des Teilprojekts: Wie wurde die traditionelle Auffassung von Kunstproduktion als Kunstrezeption in der Moderne neu gestaltet, und welche Konsequenzen hat dies für das Konzept 'ästhetische Erfahrung'? Diese Frage scheint die Abschwächung einer religiös fundierten Auffassung von Kunst als Kreation vorauszusetzen. Ob dies zutrifft, wird in dem religionsästhetisch orientierten Teilprojekt zu untersuchen sein, wobei moderne bzw. vormoderne literarische Texte den Gegenstand bilden. Aus dieser Aufgabe ergibt sich die Konzentration auf zwei Leitkonzepte: zum einen das traditionelle Konzept der Kunstentstehung durch Inspiration, zum anderen das erst neuerdings auf den künstlerischen Produktionsprozeß angewendete Konzept der Subversivität, das eine Unterminierung oder gar Zerstörung traditioneller Vorgaben umschreibt. Überprüft werden sollen zwei miteinander zusammenhängende Hypothesen: 1., daß rezeptionsästhetische Auffassungen von Inspiration vorwiegend mit einem christlichen Denkmodell operieren, und 2., daß selbstreferentielle produktionsästhetische Bestimmungen von Inspiration dieses Modell eher subversiv zu unterlaufen versuchen.

 

Unterprojekt 1: 'Poeta creator' als 'poeta doctus'.
Transformationen von Inspiration in der Moderne

(bearbeitet von Prof. Dr. Renate Schlesier)

Das Unterprojekt soll einen Beitrag zur genaueren Erforschung der Frage leisten, welchen Transformationen die Vorstellung vom Dichter als einem Schöpfer in der Moderne ausgesetzt war. Bei der Verfolgung dieser Frage sollen jedoch nicht etwa allgemeine programmatische Konzeptualisierungen von dichterischer Tätigkeit als 'inspirierter' Kreation durch moderne Autoren topologisch untersucht werden, sondern selbstreflexive Bestimmungen kreativer Tätigkeit durch moderne Autoren. Die Aufgabenstellung läßt sich daher wie folgt zuspitzen: In welcher Weise haben moderne Autoren sich selbst als 'poeta creator' und zugleich 'poeta doctus' verstanden, 'Inspiration' aber dabei im Spannungsfeld von Autonomie und religiös-künstlerischer Tradition lokalisiert und subversiv gewendet? Aus dieser Aufgabenstellung ergibt sich die Auswahl des zu untersuchenden Text-Korpus. Im Mittelpunkt sollen zwei Autoren stehen, die die beiden wohl monumentalsten Entwürfe von Erzählwerken im 19. und 20. Jahrhunderts vorgelegt haben, aber nicht allein in ihren Erzählwerken selbst, sondern ebenso in Vorstufen, Paratexten und Paralipomena das Problem der künstlerischen Kreation reflektierend umkreist haben: Balzac und Proust. Einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn verspricht die Fragestellung des Unterprojekts durch die flankierende Einbeziehung von zwei deutschsprachigen Autoren mit besonders enger Beziehung zur französischen Kultur, deren eigene ästhetische Erfahrungstransformationen nicht geringere seismographische Qualitäten aufweisen als die der beiden zeitgenössischen Franzosen: Heine und Nietzsche.

 

Unterprojekt 2: Inspiration, Sprachmystik und Transpersonalität

(bearbeitetet von Hans Stauffacher, M.A. und Cornelia Temesvári, M.A.)

Das Unterprojekt geht von der Beobachtung aus, daß die Rede von Inspiration innerhalb moderner poetologischer Reflexionen, poetischer Praktiken und philosophisch-theoretischer Konzeptualisierungen künstlerischer Produktion oft deutliche Bezüge zu sprachmystischen und okkulten Gedanken einerseits sowie zu Auffassungen von transpersonaler oder unbewußter künstlerischer Produktion andererseits aufweist. In exemplarischen Fallstudien soll diese Beobachtung überprüft und nach der strukturbildenden Funktion des Inspirationsgedankens für philosophisch-theoretische und poetologisch-selbstreflexive Bestimmungen künstlerischer Produktion nach dem Wegfallen einer transzendenten Inspirationsinstanz gefragt werden. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, wie die Bezugnahme auf den in spezifischer Weise platonisch-christlich geprägten Inspirationsgedanken im Rahmen der jeweiligen Rekontextualisierungen zu verorten ist, ob diese nun primär als religiös-mystisch, psychologisch-unbewußt, subjektkritisch oder sprachtheoretisch zu verstehen sind, bzw. ob solche Klassifizierungen nicht eher subversiv unterlaufen werden, wenn der auf Transzendenz verweisende Inspirationsgedanke in die Immanenz der künstlerischen Produktion verlagert wird.

Gegenstände der Untersuchung sind dabei zunächst Inspirationskonzepte der idealistischen und romantischen Kunstphilosophie (insbesondere F.W.J. Schellings System des transscendentalen Idealismus von 1800), sowie Konzeptionalisierungen von Inspiriertheit in kunstprogrammatischen und dichtungstheoretischen Schriften des englischsprachigen Modernismus.

 

Unterprojekt 3: Klerikales Inspirationskonzept und Autorschaft.
Zu aktuellen Fragen der Mediävistik

(bearbeitet von Dr. Beatrice Trinca)

Das Unterprojekt verfolgt zwei Anliegen: Erstens zielt es darauf ab, den bisherigen philologisch-mediävistischen Umgang mit mittelalterlichen Konzeptualisierungen des literarischen Kreationsprozesses seit dem 19. Jahrhundert und somit auch zentrale Teilbereiche aktueller Forschung systematisch aufzuarbeiten. Zweitens und dies konkretisierend werden exemplarisch Vertreter der deutsch- und französischsprachigen, erzählenden Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts selbst auf die in ihnen implizit und explizit verhandelten Konzeptionalisierungen von Kreationsprozessen befragt. Für die im Teilprojekt erforschte spezifische Relationierung von ästhetischer und religiöser Erfahrung ist die Einbeziehung der Frage nach (möglicherweise in die Moderne vorausweisenden) Transformationen des christlichen Inspirationskonzepts im Mittelalter unabdingbar. Ausgangspunkt dafür ist die folgende religionsästhetisch aufschlußreiche Konstellation: Volkssprachige Dichtung entsteht im mittelalterlichen deutschen und französischen Sprachraum zunächst als religiöse Dichtung, die von klerikalen Textproduzenten hervorgebracht wird, welche sich an den produktionsästhetischen Prinzipien klerikalen Schrifttums orientieren. Diesem Konzept poetischer Kreation fügen sich die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts entstehenden, profane Stoffe aufgreifenden und an das höfische Laienpublikum adressierten Dichtungen aber nicht oder nur in begrenztem Maß. Gerade diese Kollisionen sind Gegenstand des Unterprojekts.


 

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Stand: 23.04.2009

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