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Misha Gordin: Inspiration
Leitung
Wissenschaftliche MitarbeiterInnen
Dr. Roberto Sanchiño Martínez / Hans Stauffacher, M.A. /
Cornelia Temesvári, M.A. / Dr. Beatrice Trînca
Studentische Hilfskräfte
Projektbeschreibung
Ästhetische Erfahrung wird seit den Anfängen philosophischer Ästhetik im 18. Jahrhundert vorrangig als Kunsterfahrung von Nicht-Künstlern bestimmt. Daraus ergab sich für die Reflexion von Kunst eine Gewichtsverschiebung im Verhältnis zwischen Künstlern und Rezipienten zugunsten der Rezipienten. Gleichzeitig geriet dabei eine seit der antiken griechischen Religion und Philosophie weiterwirkende Tradition aus dem Blick, die die Kunstproduktion selbst als Kunstrezeption definiert und die in der Moderne keineswegs verschwunden ist. Daraus resultiert die Leitfrage des Teilprojekts: Wie wurde die traditionelle Auffassung von Kunstproduktion als Kunstrezeption in der Moderne neu gestaltet, und welche Konsequenzen hat dies für das Konzept 'ästhetische Erfahrung'? Diese Frage scheint die Abschwächung einer religiös fundierten Auffassung von Kunst als Kreation vorauszusetzen. Ob dies zutrifft, wird in dem religionsästhetisch orientierten Teilprojekt untersucht, wobei moderne bzw. vormoderne literarische, philosophische und mystische Texte den Gegenstand bilden. Aus dieser Aufgabe ergibt sich die Konzentration auf zwei Leitkonzepte: zum einen das traditionelle Konzept der Kunstentstehung durch Inspiration, zum anderen das erst neuerdings auf den künstlerischen Produktionsprozess angewendete Konzept der Subversivität, das eine Unterminierung oder gar Zerstörung traditioneller Vorgaben umschreibt. Überprüft werden sollen zwei miteinander zusammenhängende Hypothesen: 1., dass rezeptionsästhetische Auffassungen von Inspiration vorwiegend mit einem christlichen Denkmodell operieren, und 2., dass selbstreferentielle produktionsästhetische Bestimmungen von Inspiration dieses Modell eher subversiv zu unterlaufen versuchen.
Unterprojekt 1: 'Poeta creator' als 'poeta doctus'. Transformationen von Inspiration in der Moderne
(Prof. Dr. Renate Schlesier)
Das Unterprojekt zielt auf ein präziseres Verständnis von Inspirations-Transformationen in der Moderne. Ausgangspunkt dafür ist die These, dass sich viele moderne Autoren selbst als ‘poeta creator’ und zugleich als ‘poeta doctus’ verstanden, ‘Inspiration’ dabei aber subversiv gewendet haben. Dabei steht folgende Frage im Zentrum: Wie verhalten sich solche Umgangsweisen mit Inspiration zu einem – oft als spezifisch modern erachteten – poetischen Verfahren, bei dem die sprachliche Gestaltung mit Reflexionen über künstlerische Sprache oder Produktionsweise zusammengeführt wird und das von Proust besonders dezidiert als experimenteller, instabiler Vorgang entwickelt wurde? Am Beispiel seines Œuvres werden die Verbindungen zwischen rauschhafter Entgrenzung, Zeitauflösung und Rätselhaftigkeit einerseits, Wahrheitsanspruch, Gesetzmäßigkeit und wissenschaftlicher Objektivität andererseits innerhalb von Kreationsprozessen untersucht.
Unterprojekt 2: Produktive Subjektivität. Konzepte genialer Kunstproduktion in der idealistischen und nachidealistischen deutschen Philosophie
(Hans Stauffacher, M.A.)
Ausgehend von der Beobachtung, dass seit Fichte die sich selbst setzende produktive Subjektivität zur zentralen philosophischen Denkfigur wird und dem Genie im Zeichen der Verschiebung von der Ästhetik Kants zu einer produktionsästhetischen Philosophie der Kunst eine zentrale Rolle zukommt, werden im Unterprojekt Modelle künstlerischer Produktion in der deutschen Philosophie des 19. Jh. untersucht, die Kreation als poetisch-philosophisches Verfahren konzeptualisieren, indem sie mit platonisch-christlichen Inspirationsvorstellungen verknüpfte Geniebegriffe des 18. Jh. appropriieren. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Fragen, welche Bezüge zwischen Modellen genialer Kunstproduktion und Reflexionen über die Philosophie als Konstruktion, produktive Tätigkeit, kreativer Akt oder Dichtung bestehen, mit welchen Aspekten traditioneller Inspirationsvorstellungen diese einhergehen, sowie insbesondere ob und inwiefern Geniekonzepte im Rahmen des idealistischen Strebens nach einem universalen Vernunftsystem ein subversives Potential entfalten.
Unterprojekt 3: Klerikales Inspirationskonzept und Autorschaft. Zu aktuellen Fragen der Mediävistik
(Dr. Beatrice Trînca)
Das Unterprojekt zielt zum einen darauf ab, den bisherigen philologisch-mediävistischen Umgang mit mittelalterlichen Konzeptualisierungen des literarischen Kreationsprozesses seit dem 19. Jahrhundert und somit auch zentrale Teilbereiche aktueller Forschung systematisch aufzuarbeiten. Zum anderen werden exemplarisch Vertreter der poetischen mystique courtoise des Hoch- und Spätmittelalters selbst auf die in ihnen verhandelten Konzeptualisierungen von Kreationsprozessen vor dem Hintergrund rezenter produktionsästhetischer Debatten untersucht. Diskutiert werden dabei zugleich im Rahmen der im Teilprojekt erforschten Relationierung von ästhetischer und religiöser Erfahrung die Bedeutung weltlich vorgeprägter, erotisch-ästhetischer Erfahrung für mystische Inspirationsvorstellungen sowie (möglicherweise in die Moderne vorausweisende) subversive Transformationen klerikaler Inspirationskonzepte in der Mystik.
Unterprojekt 4: Subversive Schöpfungspoetiken. Kabbalistische Figurationen ästhetischer Produktivität in zeitgenössischer Literatur und Literaturtheorie
(Cornelia Temesvári, M.A.)
Diente die christlich interpretierte Kabbala schon in der Frühromantik als ein tropisches und sprachtheoretisches Beschreibungsmodell ästhetischer Konfigurationen, so wird seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert die jüdische Kabbala, im Anschluss an ihre wissenschaftliche Erschließung, aber auch unter dem Einfluss ihrer Popularisierung, reaktualisiert, um ästhetische Produktivität zu bestimmen. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Arbeit im Unterprojekt dem subversiven Potential kabbalistischer Figurationen in der Produktionsästhetik zeitgenössischer US-amerikanischer Autoren. Dabei wird zum einen das Verhältnis von Kunst und Religion anhand von Transfers betrachtet, bei denen kabbalistische Kosmogonie-, Hermeneutik- und Erfahrungskonzepte zu Zwecken der Reflexion über Kunstproduktion transformiert werden. Hier stellt sich besonders die Frage, wie poetische Schreibverfahren und Autorschaftskonzepte entlang zentraler thematischer Parameter der Kabbala ausgeformt werden und wie dabei Variationen des christlich-platonischen Inspirationsmodells einbezogen, subvertiert oder reformuliert werden. Zum anderen geht es um die Analyse des kunstreflexiven Rückgriffs auf eine mystische Gegentradition und dessen Verhältnis zum Normativ-Religiösen oder Säkularisierten, mithin um die Untersuchung der Rolle religiöser und literarischer Kanonizität und der Subversivität von Grenzüberschreitungen.
