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Kalligraphie des Namens ’Ali in mehreren
übereinander liegenden Schichten, Album-
blatt, Iran 15. Jh., Topaki Saraj Museum
Leitung
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen
Amina Avdovic, M.A. / Monique Bellan, M.A. / Hannelies Koloska, M.A. /
Sonja Mejcher-Atassi, M.A. / Ralf Osman Hajjar, M.A.
Studentische Hilfskräfte
Anna Gabai / Wassilena Sekulova
Projektbeschreibung
Erstrangige Referenz der arabisch-islamischen Künste ist der Koran, der die arabische Sprache mit einer sonst nur im jüdischen Kontext gekannten Dimension des Heiligen auflädt. Das Projekt untersucht die Sonderstellung der arabischen Sprache für die ästhetische Erfahrung in unterschiedlichen Medien. Diskutiert wird der Koran als Rezitationstext, das Verhältnis Wort-Schriftzeichen-Bild – jeweils im Vergleich zur jüdischen Tradition – sowie das Verhältnis von Musik und Wort im Sufitum. Die Bild-Text-Hybride zeitgenössischer arabischer Buchkunst, die im Kontext internationaler Trends des livre d’artiste steht, hinterfragt diese Sakralisierung.
Unterprojekt 1: Der Koran als Rezitationstext
(bearbeitet von Prof. Dr. Angelika Neuwirth)
Der Koran ist als solcher bereits eine Text-Ton-Hybride ist, denn seine Verkündigung erfolgte von Anfang an in einem Kantilene-Vortrag, seine „Publikation“ als Rezitation ging also seiner Veröffentlichung als Text voraus. Der Koran bewahrt seine primär mündliche Präsenz bis heute und nimmt mit seiner gleichzeitig narrativen bzw. diskursiven wie auch liturgischen Sprache einen für die Gebetspraxis nur mit den Psalmen in Judentum und Christentum vergleichbaren Rang ein. Die – an die Sprechakttheorie angelehnte – Eruierung der diese multiple Orientierung stützenden Textstrategien wie auch ihre Rezeption in der rezitationstheoretischen, rhetorischen und theologischen Literatur des Islam sind Gegenstand der geplanten Forschung.
Unterprojekt 2: Buchstäblich heilig: Schrift als Kunst, Kult und Idee im Islam
aus vergleichender Perspektive mit jüdischen Vorstellungen
(bearbeitet von Amina Avdovic, M.A.)
Insofern sich die Entwicklung der arabischen Schrift der Kodifizierung des Koran verdankt, nimmt die Schrift als unverzichtbares Medium des göttlichen Wortes an dessen Heiligkeit teil. Die Sakralität der arabischen Schrift manifestiert sich im kultgegenständlich-materiellen, visuell-ästhetischen und spekulativ-konzeptionellen Bereich. Eine ähnliche Verschränkung von autoritativem Wort und der Schrift läßt sich im Judentum erkennen. Während aber eine islamische Kunst entstand, die in hohem Maße von der Schrift geprägt erscheint, hat eine entsprechende Penetration von Kunst durch die hebräische Schrift nicht stattgefunden. Dagegen ist die Tendenz der jüdischen Mystik, die Welt aus den Buchstaben herzuleiten, in der islamischen Tradition nur ansatzweise entwickelt. Die geplante Forschungsarbeit wird dem Verhältnis zwischen Schrift, Bild und Wort kontrastiv zu den jüdischen Entsprechungen nachgehen.
Unterprojekt 3: Die Bedeutung der Einheit von Text und Musik
für die ästhetisch-religiöse Erfahrung im Sufitum
(bearbeitet von Ralf Osman Hajjar, M.A.)
In der islamischen Mystik, dem Sufitum, spiegelt die Einheit von Musik und Text ein paradoxes Konzept der ästhetischen Erfahrung: Während für Sufi-Theoretiker der musikalische Aspekt ihrer Gesänge einen Weg zur transzendentalen Erfahrung darstellt, betrachten sie das Wort aufgrund seiner semantischen Begrenztheit als Hindernis an der göttlichen Einheitserfahrung. Löst sich die Opposition zwischen der Begrifflichkeit des Wortes und der Flüchtigkeit des musikalischen Klanges im Akt des gesungenen Vortrags zu einer ästhetischen Einheit auf? Eine Analyse der normativen Diskussionen um das „Musikhören“ soll diesem ambivalenten Verhältnis von Wort und Musik nachgehen. Geplant ist eine Dokumentation und Auswertung des musikalischen Repertoires der Shadhiliyya-Bruderschaft (Ägypten), die den Bogen zur konkreten Umsetzung der mystischen Konzepte innerhalb einer lebendigen Tradition spannt.
Unterprojekt 4: Bild-Text-Hybride zeitgenössischer arabischer Buchkunst
(bearbeitet von Sonja Mejcher-Atassi, M.A.)
Die Bild-Text-Hybride der livres d’artiste zeitgenössischer irakischer Künstler unterminiert den sakralen Charakter der arabischen Sprache, die als integraler Teil des Bildes zum bloßen Schriftzug wird. Losgelöst von einem privilegierten literarischen Text verarbeiten sie z.T. Graffiti-artige Schriftzüge, wie „la lil-ihtilal“ („Nein zur Okkupation“), und werden selbst zu Dokumenten über Iraks jüngste Geschichte unter Besatzung und Krieg. Damit stellen sie die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst, zwischen ästhetischen und politischen Dimensionen zeitgenössischer kultureller Produktion infrage. Sich über herkömmliche narrative Rahmen hinwegsetzend, ohne aber auf die prestigereiche Referenz des Buches in der islamischen Kultur zu verzichten, ermöglichen sie Erinnerungsarbeit und Vergangenheitsbewältigung (travail de mémoire).
Unterprojekt 5: Zur Repräsentation von regionaler Geschichte, Erinnerung
und Gegenwart in der zeitgenössischen Kunst im Libanon
(bearbeitet von Monique Bellan, M.A.)
Das Projekt untersucht die Interrelation zwischen der aktuellen Geschichte Libanons, der Erinnerung an den Bürgerkrieg (1975-1990), den sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen und zeitgenössischen künstlerischen Praktiken und fokussiert damit die Schnittstelle von Kunst und Politik. Die Analyse umfasst die verschiedenen Formen von Sprache und stellt Fragen an die Repräsentationsform sowie an Symbolisierungs- und Fiktionalisierungsabläufe. Welche Bedeutung wird dem Wort angesichts der Allgegenwart der Bilder zuteil und wie wird diese Beziehung künstlerisch reflektiert? Welche Rolle spielt die arabische Sprache für die ästhetische Erfahrung in der zeitgenössischen libanesischen Kunst, die ihre Projektionsfläche in erster Linie auf internationaler Ebene findet?
Unterprojekt 6: Beschreibung – Inszenierung – Wahrnehmung. Repräsentation und Rezeption der Siebenschläferlegende von der Spätantike bis zur Moderne
(bearbeitet von Hannelies Koloska, M.A.)
Die Legende um die Siebenschläfer und ihre Rezeption durch islamische Literaten, Miniaturmaler und Regisseure ist Fokus dieses Projekts. Im Koran wird die Legende nur fragmentarisch wiedergegeben und enthält eine Reihe von Unbestimmtheitsstellen, die durch den Leser, respektive Hörer, gefüllt werden müssen. Den koranischen Text und seine Wirksamkeit hinsichtlich ästhetischer Normen und rezeptionsästhetischer Wirkweisen systematisch zu untersuchen und die Grenzen, die der Koran nicht nur in den Dimensionen der Schrift und des Tones sondern auch in Bezug auf die kulturelle und zeitliche Entgrenzung im Text und über den Text hinaus überschreitet, verdient einer Erforschung, die in vorliegender Arbeit beispielhaft an der Erzählung der Siebenschläfer (Q 18,9-26) vorgenommen werden soll. Mit der Ausweitung in die kontextuelle, intertextuelle und intermediale Analyse soll die Aisthesis und Katharsis, die sich in den Kommunikationsprozessen zwischen Text, Bild und Rezipient abbilden, herausgearbeitet werden.
