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René Magritte: La Tentative de l'Impossible
(Der Versuch des Unmöglichen), 1928
Leitung
Prof. Dr. Winfried Menninghaus
Wissenschaftliche Mitarbeiter
Dr. Armen Avanessian / Dr. Jan Völker
Studentische Hilfskräfte
Olga Katharina Schwarz / Tom Wohlfarth
Projektbeschreibung
Devisen „lebhafter Vorstellung“ durchziehen die antike Rhetorik ebenso wie die Kunstreflexion der Renaissance. Im 18. Jahrhundert finden sie Eingang in die philosophische Ästhetik und erfahren eine einschneidende Transformation. Die Metaphoriken täuschender Präsenz geraten in das moderne Feld biologisch-literaler Semantiken des „Lebens“ als Selbstverstärkung und Selbstorganisation. Im Ausgang von Kant entfaltet das Projekt eine diskursanalytisch-epistemologische, eine literaturtheoretische und eine evolutionstheoretische Perspektive auf das moderne Denken ästhetischer „Lebendigkeit“.
Kants Kritik der Urtheilskraft ist der mit Abstand wichtigste Einzeltext der überlieferten Ästhetik. Von der frühromantischen bis zur poststrukturalistischen ‚Aneignung’ (Derrida, Lyotard, Deleuze) hat diese Leitreferenz des Nachdenkens über das Ästhetische in zahlreichen Reformulierungen seine Unerschöpflichkeit erwiesen. Das vorliegende Projekt betreibt nicht Kant-Philologie, sondern unternimmt drei in je andere Gebiete ausgreifende Suchbewegungen zu Kants elementarer Auslegung der ästhetischen Erfahrung als einer „Beförderung des Lebens“.
Unterprojekt 1: Vom Wissen des Lebens.
Zur Ko-Emergenz von Ästhetik und Biologie im 18. Jahrhundert
(bearbeitet von Dr. Jan Völker)
Ein erstes, formal historisch-diskursanalytisch angelegtes Unterprojekt arbeitet den epistemischen Horizont des Denkens ästhetischer Lebendigkeit heraus. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts eröffnet sich in diversen Bereichen ein Denkraum für Leben und Lebendigkeit als solche. Am Ende dieser Entwicklung steht die Disziplin der Biologie als Wissenschaft vom Leben und die Definition des Lebens als Autopoiesis. „Ästhetik“ und „Biologie“, so die Kernthese des Unterprojekts, partizipieren an demselben epistemischen Umbruch. Dieser verschiebt die alten rhetorisch-poetischen Semantiken lebhafter Vorstellung in die Richtung des Sich-selbst-Bildens und der Selbstverstärkung als zentralem Merkmal ästhetischer Lebendigkeit.
Das Projekt wird die systematischen Zusammenhänge von Biologie und Ästhetik untersuchen: Dies bezieht sich nicht allein auf die positiven Verknüpfungen, sondern inkludiert die blinden Stellen, die in das Wissen vom Leben eingeschrieben sind und sich als unrepräsentierbar den diskursiven Praktiken entziehen. Eine Ausgangshypothese des Projektes besteht in der Annahme, dass solche ausgeschlossenen Momente rationalen Wissens retroaktiv als verborgener ‚Kern’ der Beschreibungen von ‚Schönheit’ und ‚Leben’ gelesen werden können.
Unterprojekt 2: Ästhetische Konfigurationen von Raum und Zeit
(bearbeitet von Dr. Armen Avanessian)
Ein zweites Projekt setzt an einer besonderen Devise ästhetischer „Lebendigkeit“ an: den medientheoretisch begründeten Raum-Zeit-Vertauschungen in Lessings Laokoon sowie den Bestimmungen von Raum und Zeit in Kants Kritiken. Es überführt die Metaphoriken ästhetisch täuschender Lebendigkeit in physiologisch rückgekoppelte Verfahren der Steigerung von Intensität. Die dabei entwickelte Philosophie "intensiver" Raumzeiten wird in Studien zu Hölderlin, Musil und Simon exemplarisch durchgeführt.
In diesem Zusammenhang wird „ästhetische Lebendigkeit“ auch an künstlerisch hervorgehobenen Raumzeitverhältnissen ablesbar, und zwar als Verwandlung von Raum in imaginäre Zeit und umgekehrt. So kann „ästhetische Lebendigkeit“ als Resultat einer Durchkreuzung und Transgression der jeweiligen medialen Grenzen von Raum und Zeit verstanden werden, welche auch Verbindungen zwischen Lebendigkeitsdiskurs und Intensitätsdebatte im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert herzustellen vermag. Zugleich soll die damit verbundene kritische Befragung der Unterscheidung von Raum- und Zeitkünsten neue Facetten der spätestens im 19. Jahrhundert einsetzenden Übergänge der Künste ineinander und ihrer daraus resultierenden Hybridisierung ermöglichen.
Das Ziel des Unterprojekts liegt darüber hinaus in der konzeptuellen Entwicklung eines Neuansatzes ästhetisch-literarischer Erfahrung innerhalb des modernen régime esthétique des arts (Rancière), welcher rein ästhetikimmanent, also unabhängig von transitiven Anbindungen argumentiert, und gleichzeitig Relevanz hat auch für kunsttheoretische Fragen insgesamt
Unterprojekt 3: Wozu Kunst?
Funktionsbestimmungen in transzendentaler und evolutionärer Ästhetik
(bearbeitet von Prof. Winfried Menninghaus)
Das Projekt unternimmt eine Relektüre der anthropologisch-transzendentalphilosophischen Funktionshypothesen der klassischen Ästhetik mit den Mitteln der evolutionären Psychologie. Beide treffen sich in der Annahme, die Lust ästhetischen Hervorbringens und Rezipierens – ebenso wie die regelmäßig damit verbundene starke affektive Besetzung fiktiver (imaginärer) Wesen, Welten und Werte – ‚befördere das Leben’ (Kant), und beide bieten dafür mehrere Erklärungsmuster an. In der Sprache Kants handelt es sich dabei vor allem um folgende Desiderate: 1. „Beförderung des Lebens“; 2. Das ästhetische Urteil als Medium eines "sensus communis"; 3. Theorie paranormaler Zustände und Fähigkeiten ("Genie"); 4. 'Freies Zusammenspiel der Vermögen'; 5. Die kognitiven und emotiven Momente ästhetischer „Lust“. Die Funktionen des Ästhetischen, die Kants Kritik der Urtheilskraft unter diesen Begriffen reklamiert, soll vergleichend und interdisziplinär in verschiedenen theoretischen Idiomen diskutiert werden – mit dem Ziel, ihnen neues Gewicht auch außerhalb der relativ engen disziplinären Kontexte der transzendentalphilosophischen Ästhetik und der evolutionären Psychologie zu verschaffen. Das Projekt will damit einen Beitrag zur Grundlagenforschung derjenigen Disziplinen leisten, die sich mit ästhetischen Phänomenen beschäftigen.
