Sonderforschungsbereich 626 - Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste


Springe direkt zu: Inhalt


Service-Navigation


Hauptnavigation/Hauptmenü: Links auf direkt erreichbare, übergeordnete Webseiten


Grafischer Identitätsbereich:


Weitere Service-Funktionen


Navigation/Menü: Links auf weitere Seiten dieser Website und Banner


Navigationspfad:

Home » Forschungsprojekte » Teilprojekt C10



 

c10

Zeichner: Alfred von Meysenbug, nach: ders., Glamour Girl
(1968), aus Adolf Haslinger: Peter Handke. Jugend eines
Schriftstellers. Salzburg und Wien, 1992, S. 125

 

Leitung

Jun.-Prof. Dr. Norbert Christian Wolf

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen

PD Dr. Thomas Becker / PD Dr. Thomas Wegmann

Studentische Hilfskräfte

Daniel Kashi / Alina Neumeyer

 

Projektbeschreibung

Das Teilprojekt C 10 untersucht die soziologische Dimension ästhetischer Erfahrung in spezifischen künstlerischen Produktionsfeldern des 20. Jahrhunderts: Wie fungiert sie dort als Medium sozialer Distinktion und Integration auf symbolischer Ebene? Inwiefern dienen ihre konkurrierenden Definitionen in den Subfeldern der eingeschränkten symbolischen Produktion und der Massenproduktion als Einsätze feldinterner Auseinandersetzung? Welche Rolle spielen hierbei intermediale Grenzüberschreitungen?

Der im Grundlagenwerk Les règles de l’art (dt. Die Regeln der Kunst) umfassend dargestellte feldtheoretische Ansatz Bourdieus erlaubt es, bisher unterrepräsentierte Fragen der sozialen Agonalität und der Machtverhältnisse innerhalb moder­ner Gesellschaften in den Blick zu nehmen, ohne die ästhetische Erfahrung zu einem bloßen Epiphänomen makrosozialer Kontexte zu degradieren. Indem er die Felder kultureller Produktion als Raum spezifischer sozialer Konkurrenz versteht, ermöglicht dieser Zugang, den Bereich des Ästhetischen als genuines Medium gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu analysier­en, das idealiter keinem anderen Kriterium als jenem der Interesselosigkeit und der Innova­tivität zu entsprechen hat. So können die im 20. Jahrhundert beobachtbaren Grenzüberschreitungen künstlerischer Avantgarden in Richtung Massenproduktion als strategischeEinsätze zur sozialen Abgrenzung innerhalb der autonomen Produktion verstanden werden. Die soziologischen Implikationen eines solchen ‚Interesses an der Interesselosigkeit‘ wie auch eines gegenläufigen Interesses an deren Dementi wer­den in zwei Unterprojekten untersucht.

Unterprojekt 1: Die Populärkultur in Er­zähltexten der literarischen Avantgarde

(bearbeitet von PD Dr. Thomas Wegmann und Jun.-Prof. Dr. Norbert Christian Wolf)

Das Unterprojekt 1 rekonstruiert paradigmatische Konstellationen im deutschsprachigen literarischen Feld des 20. Jahrhunderts und die dabei beobachtbaren Definitionskämpfe um den Begriff der ästhetischen Erfahrung anhand ausgewählter Protagonisten der Avantgardeliteratur (gemeint sind nicht die historischen Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts, sondern Autoren und Autorinnen, deren künstlerische Produktion auf den autonomen Pol des literarischen Feldes ausgerichtet ist).

Insbesondere intermediale Erzähltechniken und ihre heterodoxen Grenzüberschreitungen zu ‚illegitimen‘ Kunstformen wie Film, Fernsehen, Fotografie oder Popmusik etc. stehen im Fokus des Interesses. Hier wird zu überprüfen sein, ob die von modernen Avantgarden mit Nachdruck betriebenen (vermeintlichen?) ‚Entgrenzungen‘ hin zur Populärkultur oder gar in den Bereich der Nicht-Kunst tatsächlich als Nivellierung dieser Grenzen zu verstehen sind oder ob sie im Gegenteil gerade der innovativen Profilierung spezifischer und durchaus ‚autonomer‘ ästhetischer Erfahrung dienen. Die vom gesamten Sfb verfolgte Leitfrage nach deren Eigenart nicht nur im Allgemeinen, sondern auch innerhalb der einzelnen Künste ist feldtheoretisch zu reformulieren und zu spezifizieren: 1. Die Eigenart einer genuin literarischen Erfahrung in der Moderne wird als Produkt der historischen Ausdifferenzierung eines literarischen Feldes zu erklären sein. 2. Da sich jedes einzelne Kunstwerk überdies immer in und zu einer spezifischen Konstellation des literarischen Feldes positioniert, absorbiert und transformiert seine ästhetische Positionsnahme den historisch geltenden ‚Raum des Möglichen‘ und damit auch das, was bislang als gattungsspezifische ‚Eigenart‘ gegolten hat. Die vom ‚autonomen‘ Werk selbst suggerierte ästhetische Erfahrung wird deshalb wesentlich relational zu bestimmen sein.

Unterprojekt 2: Der Comic auf dem Weg zur legitimen Kunst

(bearbeitet von PD Dr. Thomas Becker)

Obwohl der Comic von Beginn des 20. Jahrhunderts an wiederholt als Anreiz heterodoxer Grenzüberschreitungen avantgardistischer Künstler in autonomeren Kunstfeldern gedient hatte (Picasso, Miró, Resnais, Fellini etc.), erscheint er bis heute ‚illegitim‘, da mit ihm in der Schule nur wenig kulturelles Kapital für eine ‚legitime‘, institutionell anerkannte Karriere errungen werden kann. Seit den 1960er Jahren aber entsteht ein völlig neues Phänomen der Autonomisierung, das mit der Herausbildung eines eigenen, internationalen Feldes der Comicproduktion einhergeht und eine eigenständige Legitimität beansprucht. Ein zentrales Indiz dafür ist – neben der Einrichtung von Museen und Ausstellungen – das gleichzeitige Auftreten neuer, mit einem Kunstanspruch produzierender Autoren und spezialisierter Kritiker, die mit hohem kulturellem (künstlerischem sowie literarischem) Kapital ausgestattet sind.

Die somit innerhalb der ‚illegitimen‘ Massenproduktion entstehende Autonomie lässt auf neue Formen ästhetischer Erfahrung schließen, da die Avantgarde des Autorencomics nicht etwa auf die Adaptation ‚illegitimer‘ Kunstformen zurückführbar ist; vielmehr resultierte die (eine Autonomisierung des Comicfeldes begünstigende) Heterodoxie der Autorencomics aus der Hinwendung zu ‚legitimen‘ Formen ästhetischer Erfahrung. Aufgrund dieser neuartigen symbolischen Grenzüberschreitung wäre der Autorencomic auch ein Beispiel dafür, dass die soziale Grenze zwischen eingeschränktem Markt und Massenmarkt nicht nur in Abgrenzung von der Massenproduktion, sondern auch in ihr selbst errichtet werden kann.


 

© 2007  Sonderforschungsbereich 626 |  Feedback  |
Stand: 12.05.2010

Diese Grafiken werden nur in der Druckvorschau verwendet: